Communitygetragenes Wirtschaften,  Veranstaltungen

#we-economy: Sophie und Christoph starten Webinar-Reihe für gemeinschaftsgetragene Gründungen

Christoph Spahn und Sophie Löbbering haben vor wenigen Tagen ihre neue Online-Webinarreihe für gemeinschaftsgetragene Gründungen nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft gestartet (hier kannst du lesen, was das genau ist). Eine Vorstellung der beiden Organisationsberater*innen aus Köln und Münster hier auf dem Blog ist eigentlich längst überfällig – und ich verbinde sie auch direkt mit einem großen Dank: Denn ohne Sophies Masterarbeit über “Community Supported Bakery” und einem Workshop, in den ich damals eher zufällig als sauerteigbegeisterte Hobby-Bäckerin gestolpert bin, hätte mich das Thema CSX wahrscheinlich nie so gepackt wie jetzt. Von daher freut es mich, dass wir seitdem in Verbindung sind – und uns mittlerweile im Rahmen des von den beiden initiierten CSX-Thinktanks auch regelmäßig austauschen. Statt CSX nutzen die beiden den Begriff “We-economy” – und da wären wir auch gleich bei der ersten Frage:

We-economy, ein ganz neuer Begriff hier auf dem Blog. Was verbirgt sich dahinter und warum habt ihr euch dafür entschieden?

Sophie: Wir waren lange auf der Suche nach einem Begriff der selbsterklärender und anschlussfähiger, vielleicht sogar cooler als CSX ist. Als wir dann vor 4 Monaten auf den Begriff der “we-economy” gestoßen sind, waren wir sofort hellauf begeistert. Er wird bisher noch nicht viel genutzt. Jede*r kann sich darunter was ganz eigenes vorstellen, aber alle wissen, es geht um das WIR, die Gemeinschaft. Perfekt.

Wie seid ihr zum Thema gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften gekommen?

Christoph: Ich begleite schon lange Unternehmen aus der Bio-Lebensmittel-Branche in ihren Organisations- und Strategie-Entwicklungs-Prozessen. 

Vor sieben Jahren ergaben sich aus der Zusammenarbeit mit einem Fair-Handels-Unternehmen die Fragen, wie man den fairen Handel nochmal deutlich konsequenter und fairer denken kann und was es dazu bräuchte. Dabei entwickelten wir die Idee einer Genossenschaft, die Erzeuger*innen im globalen Süden, die Mitarbeitenden des Unternehmens und die Konsument*innen gleichermaßen umfasst und in der alle zusammen als Mitträger*innen und Mitgestalter*innen ihren Platz finden und so die notwendige Weiterentwicklung ermöglichen. Leider haben sich die Verantwortlichen damals gegen eine Umsetzung dieser Idee entschieden. Für mich zeigte sich in dieser Idee, die Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft auf ein internationales Handelsunternehmen zu übertragen, erstmals ein Bild, wie wirklich nachhaltiges Wirtschaften umgesetzt werden kann. Mit der Masterarbeit von Sophie ergab sich dann der Anlass, tiefer einzusteigen.

Sophie: Wie du schon im Einstieg berichtet hast, hat mich die Suche nach einem Masterarbeitsthema dazu gebracht. Vorher war mir nicht mal der Solawi Begriff geläufig. Aber seither bin ich große Verfechterin dieser Art zu Wirtschaften. Sie schafft es das Ziel des Gemeinwohls fest im Blick zu behalten und gleichzeitig eine starke und stabile Unternehmung aufzubauen. (Sophies Masterarbeit findest du hier!)

Sophie und Christoph bei den Vorbereitungen zum Workshop “Community Supported Bakeries”

Warum bietet ihr jetzt Webinare für gemeinschaftsgetragene Gründungen an? 

Sophie: Gute Frage, mir schwirrte diese Idee schon lange im Kopf rum.  Aber letztlich geschubst hat uns dann der Beginn der Corona-Pandemie. Uns als CSX-ThinkTank Koordinator*innen haben während dieser Anfangszeit so viele Anfragen zu community supported economy erreicht: Was ist das? Was macht ihr eigentlich da? Wie kann ich auch sowas aufbauen? Wir denken, viele sind gerade in einer Umbruchstimmung. Sie bewegt die Frage: Wohin will ich jetzt gehen? Wohin wollen wir als Gesellschaft uns verändern? Wenn ich nicht systemrelevant bin, ist denn meine Arbeit für mich eigentlich relevant oder sollte ich nicht eigentlich was anderes tun? Welche Veränderungen wollen wir eigentlich? Gleichzeitig fragen sich auch bereits bestehende Unternehmer*innen: “Wo geht’s hin?” Wir denken, jetzt ist der Moment für eine neue Weichenstellung. Wir plädieren für eine resilientere Wirtschaft mit glokalen und adaptiven Netzwerken. Eine Wirtschaft, der es nicht schlecht geht, sobald ich keine Produkte mehr kaufe, die ich eh nie wollte und brauchte. Das System ist krank. Wir leisten mit der We-economy Präventions- und Heilungsarbeit.

Euer Webinar ist ja zweistufig aufgebaut, mit einem Informations- und Auftaktworkshop und einem darauf aufbauenden Folgeprozess. Könnt ihr euer Konzept dahinter noch ein bisschen vorstellen?

Christoph: Die Informations-Workshops sind kurze online Info-Treffen, um mit dem Thema gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften in Verbindung zu kommen, ein paar Grundzüge und -fragen kennenzulernen und einen ersten Eindruck von uns und unserer Art des prozessorientierten Arbeitens zu kommen.

Für alle Gründer*innen bieten wir ab Juli ein 3-monatiges Kurssystem an, an dessen Ende alle Teilnehmer*innen ein erstes Konzept ihres gemeinschaftsgetragenen Gründungsvorhabens in den Händen halten. Unsere Idee ist, dass eine peer-group sich gemeinsam auf den Weg macht und sich gegenseitig bei der Konzeptentwicklung unterstützt, bestärkt und bei der Ideenfindung mit frischem Wind hilft. 

Wer kann an eurem Auftaktworkshop teilnehmen? Braucht man Vorkenntnisse, z.B. zu Solidarischer Landwirtschaft?

Sophie: Nein. Jeder und Jede ist herzlich willkommen teilzunehmen. Es werden keinerlei Kenntnisse vorausgesetzt. Außer Lust auf was Neues, kreative Neugierde sozusagen, und der Wille, anders zu wirtschaften. Mehr brauchen wir nicht.

Gibt es aktuell schon Projekte, die ihr auf dem Weg zu einer communitybasierten Gründung begleitet?

Christoph: Durch die aktive Mitwirkung im CSX-Netzwerk haben wir das große Glück, an den Erfahrungen vieler Unternehmer*innen und Initiator*innen teilzuhaben. Und aus Sophies Masterarbeit sind es Projekte aus dem Bäckereibereich.

Bei einem anderen Projekt, das wir gerade begleiten dürfen, geht es um den Aufbau einer europäischen CSX. Ausgangspunkt sind 1000-jährige Olivenbäume, eine junge Familie und ein Dorf in Spanien. Es soll eine Gemeinschaft entstehen, die die Produktion von Olivenöl und anderer Produkte aus dem Dorf tragen und gestalten wird. Aber das wirklich spannende ist, dass es eigentlich um mehr als nur Olivenbaum-Produkte geht: um ein gemeinsames Entwickeln, einen kulturellen und spirituellen Austausch und einen realen Bezugsort für Transformation.

Ihr kommt ja aus der Biobranche, begleitet Unternehmen dort mitunter ja schon viele Jahre. Wie wird das Thema “CSX” dort aufgenommen? Seht ihr Chancen, dass sich bestehende Unternehmen hin zu einer We-economy transformieren?

Sophie: Sehr positiv. Aber leider mit wenig Umsetzungswille und Motivation. Die Bio-Branche ist leider in denselben Marktmechanismen und Wachstumszwängen gefangen wie auch andere Branchen. Noch dazu läuft es sehr gut. Warum dann was verändern, denken sich viele. Diese Denkweise ist sehr bedauerlich für eine Branche, die immer eine Vorreiterin für ökologische und soziale Transformation war. Aber wir bleiben dran, dieses Thema immer wieder zu setzen, bis ein Umdenken stattfindet. Von mir aus müssen gar nicht alle we-economy-Unternehmen werden, es reicht wenn wir anfangen, bedürfnisorientiert zu wirtschaften und darauf zu hören, was mein Gegenüber wirklich braucht für ein “gutes Leben”.

Christoph: Unser Ziel ist tatsächlich, bestehende Unternehmen auf ihrem Weg zur sozialen Transformation zu begleiten. Die Bio-Branche ist prädestiniert dafür, da viele Kund*innen darin ein Vorbild für nachhaltiges Wirtschaften sehen. 

Wenn du Lust hast, an Sophies und Christophs Webinar teilzunehmen, findest du auf ihrer Website die nächsten Termine. Aktuelle Neuigkeiten und Berichte von den Projekten, die die beiden begleiten, stehen in ihrem Blog. Zum Thema “Was wäre, wenn wir in der Corona-Krise mehr gemeinschaftsgetragene Unternehmen hätten?” habe ich im März einen Blogbeitrag geschrieben.

Die Fotos wurden mir von Sophie und Christoph zur Verfügung gestellt.

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