Genossenschaften,  Veranstaltungen

Das war das MakerCamp Genossenschaften. Oder: Eine Rechtsform macht noch keine Gemeinschaft.

Vergangene Woche war ich zwei volle Tage auf dem MakerCamp Genossenschaften in Wiesbaden – und hatte versprochen, hier auf dem Blog noch eine Zusammenfassung zu veröffentlichen. Daran mitgewirkt haben Simon Scholl (Kartoffelkombinat e.V.), Sophie Löbbering (Organisationsberaterin) und Matti Pannenbäcker (WirGarten e.V.), mit denen ich mich auf der Tagung getroffen habe. Wir haben beim MakerCamp zusammen mit Michaela von Myzelium die Themen Solidarische Landwirtschaft und communitybasiertes Wirtschaften mit in die Diskussion eingebracht und versucht, wertvolle Hinweise für unsere Genossenschaftsprojekte mitzunehmen.

180 Besucher*innen, ein gut gefüllter Raum in der R+V-Akademie, zwei volle Tage Genossenschaftsthemen. In Kooperation mit der Akademie deutscher Genossenschaften (ADG) hatte die R+V zur ersten großen Konferenz mit dem Motto Genossenschaften sind voll im Trend und cooler denn je. Sie gestalten Zukunft. geladen. Das erste Event dieser Art, das nur der Auftakt sein soll für weitere Treffen und Konferenzen. Das Programm: durchaus ambitioniert. Insgesamt sieben Challenges wurden während des Camps bearbeitet, in jeweils drei anderthalbstündigen Workshops und mit dem klaren Ziel, am Ende Projektteams zu bilden, die die Themen weiter voran bringen. Dazwischen gab es Keynotes und Impulse – von Verbänden, Praxisbeispielen und aus der Wissenschaft.

Da das ganze Programm inklusive aller Präsentationen online verfügbar ist, fasse ich es hier nicht noch einmal zusammen. Empfehlen würde ich Dir die Präsentation zum Vortrag von Dr. Veronika Schäfer: “Homo Cooperativus und Zusammenarbeit. Wieso Genossenschaften nicht nur eine besondere Wirtschaftsform sind – sondern auch eine besonders zukunftsfähige.” Die dazugehörige Forschungsarbeit werde ich mir sicher demnächst noch einmal näher ansehen, der Vortrag gehörte inhaltlich zu den Highlights der beiden Tage und es war schade, dass er nicht prominenter im Programm platziert worden war.

Die Vision: 30.000 Genossenschaften bis 2030

Die Vision der Veranstaltung: 30.000 Genossenschaften bis 2030. Dementsprechend waren die sechs Challenges zu den Themenbereichen Marketing, Ökosysteme, Gründerzentren, Gründungsprozess, Finanzierung und Franchising auf diese Vision hin ausgerichtet. Die siebte Challenge, Nachhaltigkeit, beschäftigte sich mit Genossenschaften und SDGs (Sustainable Development Goals), die Themen Recht und Politik und Monitoring wurden auf dem Camp nicht bearbeitet.

30.000 Genossenschaften bis 2030, das würde ein Netto-Wachstum von 2200 Genossenschaften im Jahr bedeuten. Aktuell liegen wir bei etwa 150 Neugründungen pro Jahr (eine Zahl, die gar nicht so leicht herauszubekommen ist, denn jeder Genossenschaftsverband stellte natürlich nur Gründungen innerhalb seines eigenen Verbandes vor – von wegen Kooperation und gemeinsame Ziele). Wenn man sich dann auch noch anschaut, dass im Bankensektor die Zahl der Genossenschaften eher sinkt als steigt, fragt man sich schon: Wie soll das gehen, von 150 auf jährlich über 2000 Gründungen?

Die Verbände – Motoren des quantitativen Wachstums?

Vielleicht, indem die Verbände Genossenschaftsgründungen erleichtern, Gründer*innen stärker unterstützen, den ganzen Gründungsprozess digitalisieren und damit beschleunigen?

Vermutlich nicht. Ingmar Rega, Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverband – Verband der Regionen sprach in seiner Keynote von einer “nüchternen und kühlen Begleitung” für Gründungen, die notwendig sei, um nachhaltig stabile und funktionierende Genossenschaften zu erschaffen. Eine Genossenschaftsidee, die nach zwei Jahren scheitert? Undenkbar. Das kratze am positiven Image der Genossenschaften, ebenso wie “Scheingenossenschaften”, die derzeit vermehrt entstünden. Hohe Prüfungsstandarts müssten also auch zukünftig sein, das Wort “Digitalisierung” fällt nicht einmal.

Scheitern, Ausprobieren, aus Fehlern lernen – Worte, die man auf der Tagung vergeblich sucht, trotz der Maker im Namen. Dass es bei Innovationen kein Wer hat das schonmal erfolgreich gemacht? gibt und ein ständiges Testen und Ausprobieren dazu gehört, wenn man Neues schafft? Offenbar unbekannte Gedanken. Gerade wenn man aus der Crowdfunding-Szene kommt, in der eine Kampagne immer auch ein Markttest ist und die Crowd (und nicht die Berater*innen) entscheiden, ob eine Idee funktioniert, merkt man, dass in der Genossenschaftswelt die Uhren noch anders ticken. Die geringste Insolvenzquote aller Unternehmensformen scheint ein Qualitätsmerkmal zu sein, von dem man sich auf keinen Fall entfernen will.

Der genossenschaftliche Gedanke

Was auch ziemlich früh auffällt: Auf dem Camp wird die Rechtsform Genossenschaft nur zu gerne mit dem genossenschaftlichen Gedanken gleichgesetzt. Wilhelm Raiffeisen ist allgegenwärtig, sein Erbe wird als wert- und zweckgetrieben dargestellt. Genossenschaften strebten keine Gewinnmaximierung an, jedes Mitglied sei Eigentümer. Genossenschaften seien stets Teamgründungen mit demokratischer Zusammenarbeit, eine Gegenbewegung zum Egoismus also, eine Hinwendung zur Gemeinschaft, so André Dörfler, Innovations- und Changemanager bei der R+V, in seiner Keynote.

In Deutschland gibt es 22 Millionen Menschen, die Mitglied einer Genossenschaft sind. 18 Millionen davon sind Mitglied einer Genossenschaftsbank. Etwas mehr als 2 Millionen haben Anteile an Wohnungsgenossenschaften. (Zahlen von 2018 via DZ-Bank) Ich frage mich, wie viele Mitglieder und Mitarbeiter*innen davon sich als Teil einer demokratischen und werteorientierten Gemeinschaft wahrnehmen und aktiv an ihr partizipieren?! Eine Rechtsform zu haben bedeutet eben noch lange nicht, genossenschaftliche Werte zu leben. Eine etwas selbstkritischere Einordnung der Genossenschaften durch die Speaker*innen wäre hier durchaus angebracht gewesen! Und: Dass die Verbände untereinander alles andere als nach genossenschaftlichen Werten agieren, war ebenso augenscheinlich.

Heimathafen Wiesbaden: Coworking, Café, Konferenzräume – und bald auch ein #GenoHub?

Die junge Geno-Szene: Werteorientiert und partizipativ

Doch es gab sie auch, die Praxisbeispiele, in denen Dividenden keine Rolle spielen. Die kritischen Töne, die jungen Projekte, die sich für die Gründung einer Genossenschaft entschieden haben, weil die Rechtsform ihre Werte wiederspiegelt. Die Partizipation ernst nehmen, die darüber sprechen wollen, wie werteorientierte Genossenschaften in die Breite getragen werden, die sich engagieren, damit das Thema Genossenschaft wirklich wieder cool wird, sein angestaubtes Image verliert. Aber sie waren viel zu wenig repräsentiert, zumindest im Plenum. Wünschenswert wäre auch eine Keynote aus den Reihen des Social Entrepreneurship Netzwerks (SEND) gewesen, die als Partner der Tagung kaum in Erscheinung getreten sind, obwohl sie zeitgleich ein wichtiges Positionspapier zu Genossenschaften im digitalen Zeitalter veröffentlicht haben.

Doch die Veranstaltung war, trotz aller Kritik, auch eine tolle Möglichkeit, mit anderen ins Gespräch zu kommen, etwa mit den Gründer*innen des heimathafen Wiesbaden, die ein #GenoHub planen, oder der Soziologin Marleen Thürling, die zu gemeinwesenorientierten Genossenschaften promoviert. Die Plattform WeChange, die auch eine Genossenschaft ist, wurde vorgestellt, ebenso wie polypoly, ein Projekt, das unseren Umgang mit Daten im Internet revolutionieren will und Johanna von SuperCoop-Berlin war ebenfalls vor Ort. Für eine stärkere Vermischung zwischen “alter” und “junger” Genossenschaftsszene hätte man jedoch mehr Austausch und mehr gezielte Zusammenarbeit und weniger frontale Information einplanen müssen – und eine Sprache, die vor allem auch Frauen als Akteurinnen benennt. 

Lesetipp: Auch Christoph Spahn hat über das MakerCamp geschrieben. Sein Eindruck: Viele der etablierten Genossenschaften haben den Kontakt zu ihren Mitgliedern verloren – und nutzen damit das transformative Potential, das in Genossenschaften steckt, nicht aus.

Transparenzhinweis: Ich habe für das MakerCamp ein kostenfreies Blogger-Ticket bekommen und berichte im Gegenzug dafür über das Event. Das hätte ich aber auch getan, wenn ich die Teilnahme hätte bezahlen müssen.

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