Communitybasiertes Wirtschaften,  Was wäre wenn?

Zu Besuch beim Mabon-Kollektiv: Mehr als ein gemeinschaftlich genutzter Kleiderschrank

Gestern habe ich Lisa vom Mabon-Kollektiv in Darmstadt besucht, der ich schon eine ganze Weile auf Instagram folge. Weil ich selbst seit Jahren überzeugte Second-Hand-Käuferin und Kleidertauscherin bin, hat mich das Konzept von Anfang an begeistert, und ich habe mich sehr gefreut, dass es so schnell mit einem persönlichen Treffen geklappt hat. Der Artikel läutet außerdem auch eine Abkehr von meinem landwirtschaftlichen Fokus hier auf dem Blog ein, denn in der Szene um gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften passiert momentan so viel, dass es schade wäre, diese tollen Projekte nicht auch vorzustellen. Deshalb: Vorhang auf!

Eigentlich ist alles da, was wir brauchen!

„Eigentlich ist alles, was wir brauchen, schon da“, sagt Lisa, als wir am großen Arbeitstisch unter dem Dach ihres Hauses in Darmstadt-Bessungen sitzen. „Deshalb habe ich mein Projekt auch Mabon genannt, das bedeutet Erntedankfest.“ Lisa liebt es, gebrauchten Dingen neues Leben zu schenken und hat lange vom eigenen Second-Hand-Laden geträumt. Doch Mieten für Räume sind teuer, und der Handel mit gebrauchter Kleidung ist nur bedingt lukrativ. Die Idee landete in der Schublade, bis Freunde Lisa auf eine Veranstaltung des Myzeliums aufmerksam machen. „Als studierte Designerin und Projektmanagerin musste ich mich in Timos und Michaelas Idee vom communitybasierten Wirtschaften erstmal reindenken. Aber als ich es dann verstanden hatte, war ich super inspiriert und habe mit meinem Mann gleich Pläne gemacht, wie ich die Idee vom Second-Hand-Shop auch anders umsetzen kann.“ Herausgekommen ist das Mabon-Kollektiv, ein gemeinsam genutzter Kleiderschrank mit regelmäßigen Workshops und Communitytreffen.

Wie funktioniert das Mabon-Kollektiv?

Die Mitglieder des Mabon-Kollektivs zahlen, wie in einer Solidarischen Landwirtschaft, einen festen Betrag pro Monat. Sie ermöglichen Lisa dadurch, regelmäßige Community-Treffen und Workshops zu organisieren, Materialien zur Verfügung zu stellen und sich um den gemeinsamen Kleiderschrank zu kümmern. Im besten Fall finanzieren sie Lisas benötigten Umsatz für ein Jahr voll aus – so dass sie sich komplett auf die inhaltliche Arbeit des Mabon-Kollektivs und die Communityarbeit konzentrieren kann. Für den monatlichen Beitrag wird eine Bietrunde veranstaltet, damit Menschen mit unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten am Projekt teilnehmen können – deshalb ist das Mabon-Kollektiv auch ein solidarisches Projekt.

Momentan bietet Lisa noch viele offene Treffen an, damit sich jede*r ein Bild davon machen kann, was das Mabon-Kollektiv ist und wie es funktioniert. Das Konzept sei erklärungsbedürftig, sagt sie, und das Commitment für ein Jahr gerade bei Student*innen schwer zu bekommen. Trotzdem gibt es schon einige Leute, die fest dabei sind. Insgesamt 15-20 Personen braucht Lisa, denn langfristig soll das Mabon-Kollektiv ein Job werden – ein Aspekt übrigens, der ihren Mentorinnen Timo und Michaela von Myzelium immer ein Anliegen ist: Gemeinschaftsbasiertes Wirtschaften heißt, dass dadurch Jobs entstehen, keine Ehrenämter.

Der große Tisch, an dem die Workshops und Community-Treffen stattfinden.

Vom Kleiderschrank zur Repair-Community?

In unserem Gespräch hatte ich den Eindruck, dass sich Lisas gemeinsam genutzter Kleiderschrank (der übrigens ein separates Verleih-Abteil hat und ansonsten wie eine Kleidertauschparty funktioniert) längst zu einer viel cooleren Sache entwickelt hat. Einer Gemeinschaft nämlich, die gemäß dem Motto #repairreuserecycle zusammenkommt, um Kleidung durch Tausch, Änderung und Reparatur so lange wie möglich im Kreislauf zu halten und sich dabei unterstützt, die dafür benötigten Techniken zu lernen und zu teilen. Dass bei diesen Treffen aber weit mehr passiert, ahnt man, wenn man Lisa mit leuchtenden Augen vom Treffen vor einigen Tagen erzählen hört, vom wertschätzenden und inspirierenden Austausch am Arbeitstisch und den neuen Kontakten und Möglichkeiten, die sich durch die Runden ergeben….

Was wäre, wenn…

…jedes Viertel ein Mabon-Kollektiv hätte? Oder jede Wohneinheit? Wenn sich überall Gemeinschaften bilden, die ihre Kleidung tauschen, ändern, reparieren und so viele Ressourcen schonen würden? Und wenn all diese Mabon-Kollektive eine Lisa hätten, die sich um diese Gemeinschaften kümmern und beim Reparieren unterstützen könnte, aber nicht ehrenamtlich, sondern gemeinschaftlich finanziert?

…gebrauchte Kleidung kein dubioses Handelsgut mehr wäre, das unter der Hand verkauft oder in andere Länder exportiert werden würde (siehe dazu z.B. diesen Beitrag), sondern länger in lokalen Communities zirkulieren würde, bis es am Ende dann recycelt wird? (Das ist jetzt sehr verkürzt dargestellt, aber es geht mir um den Gedanken!)

Du siehst, die Idee von Lisa hat mich richtig gepackt. Vielleicht auch deswegen, weil ich selbst so viele positive Erfahrungen mit gemeinsamen Runden und Handarbeit gemacht habe. Das Thema Reparieren und Umnutzen halte ich außerdem für sehr wichtig, wenn wir es wirklich schaffen wollen, weniger Ressourcen zu verbrauchen. Falls Dich jetzt auch das Reparatur-Virus gepackt hast oder Du überlegst, eine ähnlich Initiative bei dir zu starten, habe ich dir noch ein paar Links zur Inspiration aufgeführt. Außerdem empfehle ich Dir, Lisas Instagram-Account zu abonnieren.

Netzwerk Reparatur-Initiativen // Inspiration “visible mending” auf Instagram // Mending Matters/Katrina Rodabaugh // Verflickt&Zugenäht/Kerstin Neumüller // Räubersachen Reparaturen

Die Fotos wurden mir von Lisa zur Verfügung gestellt.

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