Foto von Paavo Günther, Gründer und Vorstand von halvelmi
Genossenschaften,  Interview,  Kampagnen

Warum man ein Food-Startup als Genossenschaft gründen sollte. Im Gespräch mit Paavo von Havelmi***

Ein Pflanzendrink in der Flasche, ein Crowdfunding für die Produktion. Klingt erstmal nach einem typischen Food-Startup, wie es momentan viele gibt. Und nicht nach einem Projekt für diesen Blog. Doch weit gefehlt: Havelmi*** ist nicht nur angetreten, um bio, vegan, plastikfrei und regional in einem leckeren Produkt zu vereinen, sondern das Unternehmen wird eine Genossenschaft. Klar, dass ich da nochmal nachfragen muss. Geantwortet hat mir Paavo Günther, Gründer und Vorstand der halvelmi*** eG i.G.

In eurem Kampagnentext steht, dass ihr eine Genossenschaft werden wollt und eure Mitglieder „Einfluss auf unsere Flüssigprodukte“ nehmen können. Das ist meines Wissens ziemlich einmalig in der Food-Szene. Warum eine Genossenschaft?

Das ist eine lange Geschichte. 😉 Wir haben zahlreiche Unternehmensformen durchdacht. Die Gründungsberatung (wir werden durch die Lokalhelden Gründerwerkstatt unterstützt) hat uns da viel Input gegeben. Der war auch: „Genossenschaften sind mit die aufwendigste aller Rechtsformen.“ Das hat uns schon etwas abgeschreckt. Aber für uns sind diesbezüglich zwei Werte zentral:
1. Wir wollten keine Abhängigkeiten herstellen, die es nicht braucht. Warum sollten andere Menschen die Produktionsmittel besitzen, als diejenigen, die sie nutzen oder denen die Produkte zugutekommen? Für uns sind Eigentum, Nutzung und Nutzen miteinander verknüpft. Und das lässt sich mit der Genossenschaft juristisch am besten abbilden.
2. Die Trennung von Konsum und Produktion halten wir für genauso überholt wie den Glauben an grenzenloses Wachstum. Nachhaltig kann ein Wirtschaften nur dann sein, wenn alle drei Ebenen (Ökonomie, Soziales, Ökologie) einbezogen werden. Das kann für uns nur funktionieren, wenn wir keine künstlichen Hierarchien schaffen – und sei es nur informell. Durch das Zeichnen von Genossenschaftsanteilen hat jede*r die Möglichkeit, sich wirtschaftlich und inhaltlich einzubringen. Auch wir sind nicht unfehlbar und deshalb höchst interessiert an Input von allen Berührungsgruppen unserer Produkte.

Daneben sei gesagt, dass uns ein paar Freunde mit ihrer eigenen Genossenschaftsgründung inspiriert haben. Die Jungs und Mädels nennen sich PlantAge eG und produzieren und vertreiben Gemüsekisten nach dem SoLaWi-Modell – ebenfalls regional, plastikfrei, bio und vegan. [Anm: Über PlantAge findet ihr hier und hier einen Artikel auf dem Blog].

Ich habe gelesen, dass einige von euch schon Erfahrungen mit kollektiven und kooperativen Projekten im Lebensmittelbereich haben. Kannst du ein paar der Projekte nennen, in die ihr involviert seid und was da eure Erfahrungen mit Gemeinschaften waren?

Angefangen hat das Projekt im veganen Potsdamer Gemeinschaftscafé Madia. Hier wurde ein beitragsökonomisches Modell entwickelt, das Nutzen und Beitragen voneinander entkoppelt. So kann jede*r konsumieren, was er*sie will. Genauso sieht es mit dem Beitragen aus. An einer Wand hängt ein Beitragsbarometer, auf dem die Kosten des Vormonats (z.B. Strom, Miete, Lebensmittel…) für alle sichtbar sind. Und der aktuelle Kassenstand ist es auch. Dadurch kann jede*r selbst entscheiden, ob und wie er die Kosten mittragen will.

Foodsharing ist ein anderes Projekt, in das einige von uns involviert waren und sind. Diese komplett auf ehrenamtlichem Engagement basierende Plattform hat es in den letzten Jahren geschafft, das Thema Lebensmittelverschwendung in aller Munde zu bringen. (Zugegeben, es gibt auch zahlreiche andere Akteur*innen in dem Bereich.) Durch den Bezug zum Freeganismus bekommt mensch ein ganz neues Verständnis von Werten (die gesamten Reste werden von den Betrieben kostenlos abgegeben), Lebensmitteln (es gibt teilweise riesige Mengen abzuholen) und geldfreiem /-armem Handeln. Das ist ein wichtiger Input für uns, zumal wir unsere Stoffkreisläufe von Beginn an ohne Abfälle aufbauen wollen.

Wie stellt ihr euch die Partizipation eurer Genossenschaftsmitglieder genau vor?

Grundsätzlich gibt es zwei Bereiche: Zum einen zeichnen die Mitglieder mindestens drei Anteile á 50 € und tragen somit das unternehmerische Risiko mit. Zum anderen können sie an der einmal jährlich stattfindenden Generalversammlung teilnehmen und sich in Entscheidungsprozesse einbringen. Aber auch jegliche andere Beteiligung ist denkbar. Der Großteil unser Arbeit findet (noch) ehrenamtlich statt, sei es durch Workshops, Öffentlichkeitsarbeit oder Social Media. All das und noch viel mehr kann ein Mitglied beisteuern, wenn es will. Da neben natürlichen aber auch juristische Personen Mitglied werden können, können insbesondere Händler*innen die Genossenschaft durch den Verkauf unser Produkte stärken. Sie haben den direkten Draht zu den Kund*innen. Ein wesentlicher Teil der Außenwirkung der Genossenschaft liegt somit in ihren Händen.

Werdet ihr eine Rendite an eure Mitglieder auszahlen? Oder welche anderen „Mehrwerte“ bietet ihr euren Mitgliedern gegenüber den normalen Kund*innen?

Diese Frage möchte ich nicht pauschal beantworten. Die Satzung sieht keine feste Regelung hierfür vor. Im Normalfall wird es so laufen, dass der Vorstand zeitgleich mit dem Jahresabschluss unter Einbeziehung des Aufsichtsrats einen Vorschlag für die Gewinnverwendung erarbeitet, über den die Generalversammlung dann abstimmt. Insbesondere in den ersten Jahren stehen aber so viele Investitionen an, dass wir diese bevorzugt angehen werden. U.a. wollen wir – auch aus Transparenzgründen – unsere Zertifizierung vorantreiben. Darunter fallen z.B. EMAS, Cradle to Cradle oder die Gemeinwohlökonomie.

Mitglieder haben z.B. den Vorteil, dass sie Rabatte auf den Einkaufspreis bekommen. Wer also regelmäßig unsere Produkte kauft, kann hierbei Geld sparen. Und er*sie ist dichter am Unternehmen dran und kann beispielsweise Sondereditionen oder Produktverbesserungen leichter anschieben, als außenstehende Prosument*innen.

In der Kampagne habe ich von „Verteilpunkten“ gelesen. Orientiert ihr euch mit eurem Projekt an der Solidarischen Landwirtschaft oder habt ihr ein klassisches Vertriebsmodell?

Das SoLaWi-Modell war ursprünglich unser Favorit. Jedoch stellt uns das Produkt (weil es kühlpflichtig ist) vor einige Herausforderungen. Dadurch lässt es sich nicht so leicht in bestehende SoLaWi-Strukturen integrieren, solange in deren Abholräumen keine Kühlschränke vorhanden sind. Wir werden daher insbesondere mit Naturkost-, Unverpackt-, Hofläden etc. zusammenarbeiten. Wenn sich Menschen zu größeren Gruppen zusammenschließen, die wir gemeinsam beliefern können (z.B. Bürogemeinschaften, Nachbarschaftsgruppen), ist so ein Vertrieb natürlich möglich. Nur die individuelle Belieferung einzelner Kund*innen ist weder ökologisch noch ökonomisch tragbar – zumindest jetzt.

Ihr schreibt weiter, dass ihr eure Rezepte und euer Wirtschaften offenlegen wollt und im Crowdfunding habt ihr ja auch einige Gegenleistungen, die euren Unterstützern ermöglichen, die Hafermilch gleich selbst herzustellen. Warum macht ihr das?

Gegenfrage: Warum sollten wir es nicht machen? Unser kapitalistisches Wirtschaftssystem funktioniert unter anderem (nicht), weil Wissen nicht geteilt wird. So kann eine Firma ein super Produkt entwickeln und die Nutzer*innen davon abhalten, es nachzubauen, zu verbessern oder selbst zu reparieren. Spätestens durch die flächendeckende Einführung von geplanter Obsoleszenz wird den meisten Menschen klar, wie idiotisch das ist. Anstelle die Menschheit voranzubringen und Produkte immer weiter zu entwickeln (z.B. in Bezug auf die Haltbarkeit oder Ressourcennutzung), werden Schrauben eingesetzt, zu denen Otto Normalverbraucher keinen passenden Schraubenzieher hat. Lebenszyklen werden durch den Einsatz von Plastik anstelle von Metall künstlich verkürzt und mittlerweile gibt es sogar „nachhaltiges Palmöl“. Doch wer sich mit dem Wirtschaften weltweit beschäftigt, merkt vor allem eins: Nachhaltig ist das nicht. Dafür braucht es eine Verbindung von Nutzen und Beitragen (s.o.). Nur wer sich mit einem Produkt identifiziert, weiß dessen Wert zu schätzen. Wenn die Menschen sehen, wie aufwendig es ist, Haferdrinks herzustellen, werden sie darüber nachdenken, ob sie es lieber selbst machen oder sich ein fertiges Produkt kaufen wollen. Aber sie haben eben die Wahl – und die Ressourcen. Wir wollen nicht primär das große Geld mit unseren Produkten verdienen, sondern das Ernährungssystem in unserer Region positiv irritieren. Dafür scheint uns das Veröffentlichen unserer Rezepte ein guter Schritt zu sein.

Havelmi*** wird es ja nur in Berlin und Brandenburg geben. Warum?

Ein Aspekt von Nachhaltigkeit ist die Ökologie. Der Nahrungsmittelsektor verursacht nicht umsonst einen beträchtlichen Teil des weltweiten Schadstoffausstoßes, weil eben viel zu viel viel zu weit transportiert wird. Nachhaltig ist eine Ernährung dann, wenn sie regionale Produkte mit einer möglichst ressourcenschonenden (biologischen) Erzeugung kombiniert. Das machen wir. (Auch Mehrweg-) Glasflaschen beispielsweise sind aufgrund des Eigengewichts nur für die Auslieferung in einem Umkreis von wenigen Hundert Kilometern sinnvoll. Darüber ist der ökologische Fußabdruck von Mehrwegplastikflaschen geringer. Wenn wir uns Regionalität auf die Fahnen schreiben, bezieht sie sich nicht nur auf die Herstellung, sondern auch auf die Distribution. Schadstoffe, die nicht erzeugt werden, müssen nicht kompensiert werden.
Auch ist uns der persönliche Kontakt wichtig. Wenn wir über größere Distanzen lieferten, würden wir zwangsläufig Kund*innen nur auf digitalem Wege kennenlernen. Doch ist Nahbarkeit essentiell für eine enge Verbindung zwischen Prosument*innen und Unternehmen. Zwar sind die Querverbindungen mit dem ÖPNV in Brandenburg nicht die besten, aber dennoch gibt es genügend Möglichkeiten, uns auf die Finger zu schauen oder selbst Hand anzulegen. Das ist uns wichtig.

Wollt ihr durch die Offenlegung von Rezepten und dem Genossenschaftsmodell ermöglichen, dass sich überall regionale Hafermilch-Genossenschaften gründen? Denkt ihr über eine Art „Open Social Franchise“ nach?

Das wäre ein Traum! Wir stehen mit einigen Initiativen aus anderen Bundesländern in Kontakt, die genau das machen wollen. Zwar haben nicht alle Interesse an der Rechtsform der Genossenschaft, aber das ist auch eine individuelle Entscheidung. Aber alle haben keine Lust mehr auf Pflanzendrinks aus anderen Ländern in Verbundverpackungen. Das eint uns. Mittelfristig versuchen wir daher, eine Art übergeordnete Struktur für ein gemeinsames Agieren zu finden.

Und hier geht’s direkt zur laufenden Crowdfunding-Kampagne:

Die Fotos wurden mir von Paavo Günther/halvelmi*** zur Verfügung gestellt.

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