Gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften,  Was wäre wenn?

Was wäre wenn: Die gemeinschaftsgetragene Grafikdesignerin

Timo vom Myzelium hat auf Instagram die kleine Interviewserie “Wie ist das eigentlich mit…?” gestartet, in der ihn Danielle von Zinelichgut dazu anstiftet, spontan ein gemeinschaftsgetragenes Unternehmen zu konstruieren (z.B. eine Goldschmiede oder ein Sanitätshaus). Mittlerweile gibt es zwar einige tolle Praxisbeispiele für CSX-Unternehmen, aber in vielen Bereichen braucht es noch ein bisschen Phantasie, um sich die Umsetzung vorzustellen. Deshalb dachte ich, ich steige mal mit ein in Timos Brainstorming, heute mit der Frage:

Wie könnte eine gemeinschaftsgetragene Grafikdesignerin arbeiten?

Cordula ist Grafikdesignerin und Illustratorin. Sie schläft schlecht, weil sie durch Auftragsschwankungen und unregelmäßig zahlende Kund*innen immer wieder Existenzängste hat. Die anonymen Aufträge, die hin und wieder über Plattformen oder Verlagsgruppen bei ihr eintrudeln, langweilen sie, viele Kund*innen haben unrealistische Anforderungen und möchten grundsätzlich viel Leistung für wenig Geld. Sie, die schon als Kind Grafikdesignerin werden wollte, hat sich in letzter Zeit nur noch ziemlich unmotiviert in ihr kleines Büro geschleppt und stattdessen auffallend viel Zeit in die ehrenamtliche Organisation von Grafikworkshops in einem Verein investiert. Wie schön wäre es, wenn sie Grafikdesign, Communityarbeit und Workshops miteinander verbinden und davon leben könnte?

Außerdem bekommt sie in letzter Zeit immer wieder Anfragen von Menschen, die Unterstützung in Grafikdingen gebrauchen könnten, aber deren Auftragsvolumen einfach zu klein ist: Für zwei kleine Bildbearbeitungen extra eine Rechnung schicken und die Buchhaltung machen – das ist auch mit gutem Willen nicht wirtschaftlich, obwohl sie viele der Unternehmer*innen gerne unterstützen würde. Doch wenn sie viele solcher Menschen in einer Gemeinschaft zusammenbringen könnte, wäre das plötzlich machbar!

Bei der Abholung ihres Ernteanteils von der Solawi kommt ihr plötzlich eine Idee: Warum nicht “Kosten und Ernte teilen” auch auf Grafikdesign anwenden? Nach kurzer Recherche ist ihr klar: Sie wird ihr Unternehmen gemeinschaftsgetragen aufstellen. 

Was ist mein Angebot?

Als erstes überlegt sich Cordula, wie viele Stunden sie im Monat für die Gemeinschaft arbeiten kann und will. Weil sie unbedingt mit zwei ihrer Kundinnen weiter zusammenarbeiten möchte, plant sie zwei Drittel ihrer monatlichen Arbeitszeit für die Gemeinschaft ein: 80 Stunden. Sie überlegt, welches Budget sie dafür veranschlagen muss – Lohn, Kosten für die Software, Steuern, Krankenversicherung, Miete für das Büro usw. 3000€ kommen dabei zusammen, die die Gemeinschaft im Monat aufbringen müsste, also 36.000€ für ein Jahr.

Dann überlegt Cordula, was sie ihren Mitgliedern an Dienstleistungen anbieten könnte. Bildbearbeitung, Logoentwicklung, Illustrationen anfertigen usw. Für einige der Dienstleistungen kann sie ziemlich genau sagen, wieviel Zeit sie dafür benötigen wird, deshalb hält sie diese Sachen in einer Stundentabelle fest. Andere Dienstleistungen, wie Illustrationen oder Logos, sind sehr individuell, dafür muss sie dann jeweils ein Stundenangebot machen. Sie möchte ihre Community zukünftig auf jeden Fall einmal im Monat für einen Abend zusammenbringen – zum Austausch, für gemeinsame Workshops und um sich gegenseitig zu inspirieren.

Die Solidarische Grafikwerkstatt

Cordula stellt einen Flyer für ihre “Solidarische Grafikwerkstatt” zusammen und schickt ihn an Freunde und Bekannte – vor allem an die, die sie schon oft wegen kleinerer Anfragen vertrösten musste. Außerdem stellt sie ihr Konzept bei einigen Netzwerkveranstaltungen vor, bei denen Solopreneure und kleine Unternehmen in ihrer Stadt sich austauschen. Die Resonanz ist überwältigend. Innerhalb weniger Tage führt sie dutzende Telefongespräche mit interessierten Menschen und sechs Wochen später kommt die Gemeinschaft erstmals zusammen: 

Die Bietrunde

Es sind 20 Personen geworden, fast alle von ihnen sind selbstständige Einzelunternehmer*innen. Sie brauchen Hilfe beim Layouten von Publikationen und bei der Bildbearbeitung, wollen sich ein neues Logo anfertigen lassen oder benötigen regelmäßig Illustrationen für ihre Website. Cordula stellt ihnen ihr Angebot und ihr Jahresbudget detailliert vor und nennt einen Richtpreis für die Bietrunde: 1800€ müsste jedes Mitglied im Schnitt für ein Jahr zahlen, damit das Jahresbudget von 36000€ gedeckt ist. In der Bietrunde schreibt jedes Mitglied den Betrag, den es zahlen kann, auf einen Zettel. Sie werden eingesammelt und die Summen zusammengezählt – reicht die Summe schon im ersten Durchgang? Tatsächlich. Die 36000€ kommen zusammen. Die Beiträge der einzelnen Mitglieder sind allerdings unterschiedlich hoch – sie liegen zwischen 1500€ und 2300€. Menschen, die mehr Geld zur Verfügung haben, ermöglichen damit denen, die weniger beitragen können, trotzdem Teil der Gemeinschaft zu sein – ein tolles Gefühl, das da plötzlich in diesem Raum entsteht!

Nach der Bietrunde schaltet Cordula das neue Tool frei, das sie sich extra hat einfallen lassen: Darin werden die verfügbaren 80 Stunden pro Monat transparent dargestellt und jedes Mitglied kann sich Zeiten für seine Aufträge blocken. Wieviele Stunden Cordula für den Auftrag benötigt ist in der Tabelle ersichtlich oder das Mitglied stimmt das benötigte Stundenkontingent in einem Gespräch mit Cordula ab. Sabine, die immer am Anfang des Monats die 4 Titelfotos ihrer wöchentlichen Blogbeiträge bearbeitet haben will, trägt sofort die dafür benötigten anderthalb Stunden ein. Karl, der ein neues Logo für sein Unternehmen braucht, blockt nach Rücksprache mit Cordula 25 Stunden im April. Durch das Tool kann jedes Mitglied sehen, ob es noch freie Zeiten gibt – und wer aus der Gemeinschaft wieviel Stunden in Anspruch nimmt.

Denn: Kein Mitglied hat Anspruch auf ein festes Stundenkontingent erworben. Die Gemeinschaft teilt Cordulas 80 Stunden untereinander auf – nach eigenem Ermessen und unabhängig davon, wieviel jedes einzelne Mitglied zur Deckung des Budgets beigetragen hat. Cordula hat damit die Sicherheit, dass sie auf jeden Fall nicht mehr als 80 Stunden arbeiten wird – und die Gemeinschaft hat die Verantwortung, die Stunden auch in Anspruch zu nehmen. Cordulas Leistungen verlieren damit ihren Preis – und bekommen gewissermaßen den Wert zurück, den sie für die einzelnen Mitglieder haben.

Die Community trifft sich regelmäßig

Jeden Monat veranstaltet Cordula im Café ihrer Freundin ein Treffen ihrer Community. Alle Mitglieder kommen zusammen, und ganz am Anfang berichtet jede und jeder, was er oder sie sich in den letzten Wochen hat erstellen lassen. Sabine zeigt, dass Cordula ihr einen Filter für den Instagram-Account erstellt hat, und sofort sagen einige Mitglieder, dass sie das auch für ihr Unternehmen benötigen. Karl stellt drei Logoentwürfe vor, die Cordula ihm gestern geschickt hat, und fragt die anderen nach ihrer Meinung. Susanne und Martin stellen fest, dass sie beide gerne lernen möchten, wie man Fotos bearbeitet, und verabreden sich, um einen gemeinsamen Workshop bei Cordula zu buchen. 

Konflikte austragen und Ansprüche verhandeln

Im Juli poltert Frederik, der immer ein bisschen still in der Ecke sitzt, plötzlich los: Immer, wenn er in das Buchungstool schaue, seien schon alle Zeiten blockiert, und nie könnte er seine Aufträge dort platzieren, obwohl er bei der Bietrunde deutlich mehr als den Richtpreis bezahlt habe. Barbara, die vorsorglich Anfang des Jahres 10 Stunden im Monat für die Wartung ihrer Website blockiert hat, sichert Frederik zu, diese Reservierung zurückzuziehen – zuletzt hatte sie sich die Aufträge für Cordula zugegeben doch ein bisschen aus den Fingern saugen müssen, und ihre Angst, “zu kurz zu kommen”, war nach den ersten Treffen der Community auch irgendwie verflogen. Tina bietet daraufhin an, bei den folgenden Treffen das Thema “Stundenverteilung” immer anzusprechen und zu moderieren – damit sich der Frust wie bei Frederik gar nicht erst über Monate aufstaut. Cordula ist erleichtert: Die Community trägt nicht nur das finanzielle Risiko mit, sondern übernimmt auch Verantwortung für die Gestaltung des Angebots. Hätte sie doch damals eine Tina gehabt, als der große Kinderbuchverlag kein Geld für ihre Entwürfe bezahlen wollte! 

Am Ende des Sommers fragen die ersten Mitglieder, ob die “Solidarische Grafikwerkstatt” in eine nächste Runde geht. Sie möchten so schnell es geht einen neuen Mitgliedsvertrag unterschreiben und unbedingt im neuen Jahr wieder dabei sein. Frederik kündigt an, die Gruppe zu verlassen – trotz Tinas Moderation hat er das Gefühl, zu wenig für sein Geld zu bekommen, und beschließt, lieber einen Rahmenvertrag mit einem größeren Grafikbüro abzuschließen. Martin hat in seinem Coworking-Space allerdings schon so viel Werbung für Cordula gemacht, dass sie sogar eine Warteliste anlegen muss.

Die Gemeinschaft geht ins zweite Jahr

Im September organisiert Cordula die Bietrunde für das kommende Jahr. Vier Mitglieder haben die Gemeinschaft verlassen, vier neue sind hinzugekommen. Weil Cordula ihr Büro aufgegeben hat und jetzt in einem Coworking-Space arbeitet, hat sie das Budget angepasst, und zeigt ihren Mitgliedern die neue Kostenaufstellung. Außerdem hat sie überlegt, eine Zusatzversicherung abzuschließen, um im Krankheitsfall Geld zu bekommen, und auch das schlägt sich im Budget nieder. Im letzten Jahr war sie nach einem Radunfall drei Wochen ausgefallen, und obwohl viele Mitglieder ihr signalisiert hatten, dass sie die ausgefallenen Stunden nicht nacharbeiten muss, hatte sie doch versucht, im Monat darauf doppelt zu viel zu arbeiten, was keine gute Entscheidung war. Die Gruppe vereinbart außerdem, das Cordula Stunden, die nicht von der Gemeinschaft abgerufen werden, für die Betreuung der Website des örtlichen Kulturvereins nutzen darf, und Karl, dessen Logodesign am Ende doch mehr Zeit in Anspruch genommen hatte, als veranschlagt, setzt sich dafür ein, dass Cordula auch die Stundentabelle und ihre Stundenangebote nochmal kritisch prüft. 

Cordulas Beispiel macht Schule

Bevor im Januar der neue Zyklus der Solidarischen Grafikwerkstatt startet, treffen sich zwei der Mitglieder mit Fotografin Jana. Sie hat von Cordulas Projekt gehört und möchte sich jetzt auch gemeinschaftsgetragen aufstellen. Tina und Martin stellen ihr das Konzept vor und berichten von ihren Erfahrungen. Das Buchungstool, dass Cordula entwickelt hat, bietet sie mittlerweile frei gegen Spende zum Download an – sie möchte, dass Menschen wie Jana damit unkompliziert als gemeinschaftsgetragenes Dienstleistungsunternehmen durchstarten können. Jana ist begeistert, und trommelt gleich in der nächsten Woche ihre Kundinnen zusammen.

Zwei Jahre nach Cordulas Geistesblitz bei der Solawi-Abholung gibt es in der Stadt auch eine gemeinschaftsgetragene Texterin, einen Solidarischen Eventmanager und einen CSModeration. Eine Gruppe Musiklehrer*innen hat eine gemeinschaftsgetragene Musikschule gegründet, junge Architekt*innen eine AG für Solidarische Tiny-House-Planung. Der lokale Radiosender, der immer von Spenden abhängig war, veranstaltet jetzt Bietrunden seiner Stammhörer in der Stadthalle, und kann endlich seine Moderator*innen bezahlen. Ein Kollektiv von Imagefilmemacherinnen hat bereits die dritte Gemeinschaft gegründet, weil die Nachfrage so hoch ist, und all diese gemeinschaftsgetragenen Unternehmer*innen haben sich in einer Genossenschaft zusammengeschlossen, die das Buchungstool wartet und weiterentwickelt. Das Wort “Stundensatz” ist verschwunden, und irgendwie auch das Gefühl, zu kurz zu kommen. Es ist genug für alle da, wenn nicht jede(r) versucht, das Maximum für sich rauszuholen.

Danke an Florian, Christoph und Marius für die Anmerkungen und Überlegungen zu diesem Text.

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