Communitygetragenes Wirtschaften,  Crowdfunding-Wissen

Ein Gemeinschaftsgetragenes Unternehmen gründen und dabei von Crowdfunding-Kampagnen lernen

Wenn du schon eine Weile mitliest auf meinem Blog, dann weißt du, dass ich mich ursprünglich mehr mit Crowdfunding als mit Gemeinschaftsgetragenem Wirtschaften beschäftigt habe. Ich habe einige Jahre lang nicht nur als Crowdfunding-, sondern auch als Gründungsberaterin gearbeitet. Jetzt, mit einem zusätzlichen Blick für gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften ausgestattet, stelle ich immer wieder fest, dass Menschen, die ein gemeinschaftsgetragenes Unternehmen gründen wollen, sehr von dem profitieren können, was in der Crowdfunding-Welt an Wissen und Erfahrungen bereits zusammengetragen wurde. Das ist mir diese Woche wieder klar geworden, als ich mit einer Freundin über ihre Unternehmensidee gesprochen habe, und es hat mich motiviert, diesen Blogbeitrag für dich zu schreiben.


Eine Anmerkung vorweg:

Wenn du dich mit gemeinschaftsgetragenem Wirtschaften noch nicht auskennst, empfehle ich dir, vorher einen Blick auf gemeinschaftsgetragen.de zu werfen und dir z.B. die Artikel über “Ausgebüxt” oder das “Mabon-Kollektiv” durchzulesen. Crowdfunding ist hier erklärt, ich meine hier im Text immer das gegenleistungsbasierte Crowdfunding. Grundsätzlich liegen mir gemeinschaftsgetragene Gründungen, die von Einzelpersonen oder Gründungsteams ausgehen, näher als Gründungen, die aus einer Gemeinschaft heraus entstehen. Deshalb fokussiert sich dieser Artikel auch auf die erste Variante.


Zunächst: Die Unterschiede

Während es im Crowdfunding meist um zeitlich begrenzte Projekte geht, wollen gemeinschaftsbasierte Unternehmen über viele Jahre funktionieren: Ein Crowdfunding für einen Holzbackofen ist damit etwas anderes, als eine communitygetragene Bäckerei zu eröffnen. Geld für eine Podcast-Serie zu sammeln ist nicht das gleiche, wie ein gemeinschaftsgetragenes Podcast-Label zu gründen.

Im klassischen Gegenleistungs-Crowdfunding hat man außerdem zwei voneinander getrennte Gruppen: Die, die etwas anbieten, und die, die etwas kaufen.

Die Grenzen allerdings verschwimmen zunehmend, vor allem, wenn man Crowdfunding in Zusammenhang mit “Crowdpreneurship” denkt. Die Idee, seine zukünftigen Kund*innen von Anfang an mit ins Boot zu holen und mit der Crowd zusammen zu gründen, wird vor allem von meinen ehemaligen Kolleg*innen beim Crowdfunding Campus vertreten und hat mich in den letzten Jahren sehr inspiriert. In solchen Crowdfunding-Projekten sind mitunter die Unterstützer*innen so eng mit den Anbieter*innen verbunden, dass der Schritt zum gemeinschaftsgetragenen Wirtschaften dann meines Erachtens gar nicht mehr so groß ist: Nämlich aus den Kund*innen (oder Konsument*innen) Mitglieder zu machen, die nicht mehr für ein einzelnes Produkt bezahlen, sondern durch ihre Beiträge das gesamte Unternehmen tragen. 


Die Gemeinsamkeit: Ohne Community geht nichts. Und ohne Vertrauen auch nicht.

Crowdfunding und Gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften haben eine große Gemeinsamkeit: Sie funktionieren nur mit einer Community. Und sie funktionieren nur, wenn diese Community die Vision derjenigen teilt, die das Projekt oder Unternehmen in die Welt bringen. Ohne eine Crowd, die das Angebot annimmt, die Gegenleistungen bucht, die interagiert, bestätigt oder nachfragt, funktioniert keine Kampagne. Und ohne Gemeinschaft, die Risiko und Verantwortung mit den Anbieter*innen teilt, entsteht kein gemeinschaftsgetragenes Unternehmen. Egal ob Crowdfunding oder Gründung einer CSX (Community Supported X) – beides erfolgt i.d.R., bevor die Anbieter*innen den Beweis antreten können, dass sie ihr Angebot auch wie versprochen umsetzen. Deshalb ist Vertrauen das A und O. Und das lässt sich nur mit der richtigen Kommunikation herstellen.

5 Schritte zum Aufbau eines gemeinschaftsgetragenen Unternehmens

Meines Erachtens sind für die Gründung eines gemeinschaftsgetragenen Projektes folgende Schritte notwendig: 

  • Eine klare Vision haben 
  • Angebot und Kalkulation erstellen 
  • Mit der Idee rausgehen und Feedback einholen
  • Die Idee schärfen 
  • Mitglieder finden und eine Community aufbauen.

Großartigerweise sind das die gleichen Schritte wie für eine Crowdfunding-Kampagne, und deshalb habe ich dir zu den Punkten ein paar Infos, Erfahrungen und Links zusammengestellt:

1. Eine klare Vision haben

Als Gründer*in muss mir klar sein, welche Vision hinter meiner Idee steckt. Warum möchte ich das Unternehmen gründen, was treibt mich an, was möchte ich dadurch in der Gesellschaft verändern? Das ist im Grunde das gleiche wie bei einem Crowdfunding-Projekt, deshalb kannst du dafür einen Blick in meinen Crowdfunding-Canvas werfen, in dem noch mehr solcher Leitfragen zu finden sind.

Das gilt übrigens auch, wenn man als Gruppe gründet – dann ist es wahrscheinlicher sogar noch wichtiger zu schauen, ob alle die gleiche Vision haben, oder daran zu arbeiten, eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Das “Warum” interessiert übrigens andere Menschen oft mehr als das “Was”, also das konkrete Angebot. Zum Thema Wirkung (und dann auch Wirkungskommunikation) fand ich übrigens Woche 1 aus dem System Change online course von Ashoka sehr inspirierend.

2. Angebot und Kalkulation erstellen

Natürlich kannst du auch nur mit einer Vision auf Menschen zugehen und dann versuchen, gemeinsam mit anderen die Idee weiterzuentwickeln. Mir persönlich liegt allerdings der Ansatz näher, erstmal alleine (oder in meinem Gründungsteam) darüber nachzudenken, was ich eigentlich konkret machen möchte. Fragen können sein: Was möchte ich meinen Mitgliedern anbieten? Wie soll die Kommunikation zwischen mir und meiner Community in Zukunft aussehen? Wieviel Mitbestimmung möchte ich ihnen geben, welche Entscheidungen fälle ich alleine? Was können die Mitglieder meines Projektes von mir erwarten, was nicht? Welche Dinge will ich auf keinen Fall anbieten, und in welche Richtung wäre ich offen für eine Entwicklung? Ich finde es wichtig, sich darüber klar zu sein, damit du dein Projekt auch deutlich und transparent kommunizieren kannst. Egal ob CSX oder Crowdfunding – nichts ist blöder als Missverständnisse, enttäuschte Erwartungen oder wenn dich das Feedback deiner Community überrollt.

Finanzen planen

Und: Um eine solide Finanzkalkulation kommst du nicht drumherum. Du musst wissen, wieviel Geld du benötigst für laufende Kosten, eventuelle Löhne, dein eigenes Gehalt, Versicherungen usw. In einem gemeinschaftsgetragenen Unternehmen ist das umso wichtiger, weil ja die laufenden Kosten eines Jahres von der Gemeinschaft getragen werden. Verkalkulierst du dich, wird es schwer sein, die fehlende Summe noch reinzuholen – ebenso wie im Crowdfunding führen unsaubere Kalkulation und intransparente Finanzen auch zu einem Vertrauensverlust der Community, zu Ärger und Missverständnissen. Besser ist, du spielst mit offenen Karten und erklärst proaktiv, wofür du welche Summe einkalkuliert hast. Geld ist ein nerviges Thema, aber es wird noch nerviger, wenn man nicht darüber spricht. Und so wie im Crowdfunding jeder Betrag hilft, ein Projekt zu ermöglichen, so ist es in gemeinschaftsgetragenen Unternehmen möglich, dass Menschen unterschiedlich viel beitragen. Die Bietrunde, in der diese Beiträge quasi “eingesammelt” werden, ist sicher für die meisten von uns ein ungewohntes Terrain – deshalb denk daran, sie von Anfang an in die Kommunikation zu integrieren! 

3. Mit der Idee rausgehen und Feedback einholen

Du hast Vision und Angebot klar? Dann nichts wie raus damit! Suche das persönliche Gespräch mit Menschen, die sich für deine Idee und dein Angebot interessieren könnten. Du kannst sie um Feedback bitten oder um weitere Ideen, um dein Angebot zu modifizieren. (Du kannst dazu auch meinen Artikel “Wie dich deine Crowd mit Feedback, Wissen und Ideen unterstützen kann” lesen.) Hab aber klar, wo deine Grenzen sind, was die Veränderbarkeit deines Konzeptes angeht, schließlich soll das ganze ja dein neuer Job werden! Wie im Crowdfunding auch ist es deine Aufgabe, die Menschen zu finden, die deine Idee unterstützen – und nicht zu viel Energie in Überzeugungsarbeit bei Menschen zu stecken, die dein Projekt (aus welchen Gründen auch immer) ablehnen. Im Crowdfunding sollte man diese erste Kommunikation nach Außen vor der Finanzierungsphase machen, also bevor es wirklich ernst wird (siehe dazu auch den Artikel “Planung einer Crowdfunding-Kampagne”). Auch für ein communitygetragenes Projekt würde ich dir empfehlen, nicht sofort in die Mitgliederakquise zu starten, sondern diese Feedbackschleife einzuplanen. 

Das Konzept erklären können

Wichtig: Auch wenn Crowdfunding um einiges bekannter ist als gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften – beide Ideen sind sehr erklärungsbedürftig. Projektstarter sollten sich deshalb selbst intensiv mit Crowdfunding, den Mechanismen und Regeln auseinandergesetzt und bestenfalls selber Projekte unterstützt haben. Andere erfolgreiche Projekte helfen dabei, Crowdfunding-Neulingen zu erklären, wie eine Kampagne aussieht und funktioniert. Das gleiche gilt natürlich auch für gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften: Zu verstehen, was es bedeutet, wenn aus Konsument*innen plötzlich Prosument*innen werden, ist essentiell. Dabei helfen können dir Seiten wie gemeinschaftsgetragen.de, die Projektvorstellungen hier auf dem Blog oder die Podcastfolgen vom Myzelium – und natürlich der Austausch mit Projekten, die auch gemeinschaftsgetragen wirtschaften.

4. Die Idee modifizieren

Um diese erste “Feedback-Schleife” bestmöglich für dich zu nutzen, mach dir auf jeden Fall ein paar Notizen. Welche Fragen werden immer wieder gestellt? Welcher Aspekt stößt häufig auf Unverständnis? Welche Bedürfnisse äußern deine Gesprächspartner*innen? Was fehlt ihnen, damit das Angebot zu ihnen passen würde? Welche Ideen werden genannt? Aber auch: Wie hast du die Vorstellung deines eigenen Projektes erlebt? Hast du dich sicher gefühlt, konntest du gut argumentieren oder benötigst du noch ein bisschen “Futter” für Diskussionen? Hilft es dir, wenn du “Fürsprecher” hast, die deine Idee unterstützen, oder haben sich gar erste Multiplikator*innen identifizieren lassen? Eine ausführliche Reflektion der Feedback-Phase ist auf jeden Fall sehr sinnvoll, um das Angebot und die Kommunikation dann nochmal final zu überarbeiten – das gilt für Crowdfunding und gemeinschaftsgetragenes Gründen gleichermaßen.

5. Mitglieder finden und eine Community aufbauen

Das Entscheidende für ein Crowdfunding ist die Kommunikationskampagne, die dazu führt, dass möglichst viele Menschen davon erfahren, dass es das tolle Projekt überhaupt gibt. Eine solche Kommunikation erfolgt je nach Projekt stärker on- oder offline, über Netzwerke, Multiplikator*innen, Mails, kleine Events, Treffen, Vorträge… der Kreativität sind da prinzipiell keine Grenzen gesetzt. Es bietet sich aber an, im Vorhinein über die “Zielgruppe”, also die potentiellen Unterstützer*innen nachzudenken, und die Kommunikation so auszurichten, dass du sie auch erreichst. Und das gilt im Grunde auch für deine gemeinschaftsgetragene Gründung. Mach dir also ein paar Notizen, sprich mit Leuten, schau, über welche Kanäle du dein Projekt mit welchen Botschaften kommunizieren willst. Auch hier kann dir der Crowdfunding-Canvas helfen.

Die Community “verwalten”

Bevor du mit dem Communityaufbau beginnst, solltest du überlegen, wie du diese Community “verwaltest”. Die Mitglieder sollen sich ja bestenfalls auch untereinander austauschen können – vielleicht nicht gleich am Anfang, aber später. Du musst sie möglichst einfach erreichen können – die späteren Mitglieder, aber auch diejenigen, die sich erst einmal grundsätzlich für deine Idee interessieren. Ein professionelles Newslettertool, eine Gruppe in einem der Messenger, ein regelmäßiges physisches Treffen, ein Forum, eine Mitgliederplattform wie Slack oder Motomo – was am besten passt, hängt von dir und (der Größe) deiner Community ab.

Den Communityaufbau starten

Und dann kannst du loslegen mit dem Communityaufbau. Mit Menschen sprechen, begeistern, Vertrauen aufbauen. Transparent sein, proaktiv Aspekte ansprechen, die vielleicht ein bisschen unangenehm sind. Dich über positive Resonanz freuen, dich nicht von negativer Kritik runterziehen lassen, von konstruktiver Kritik lernen. Und die Mitglieder finden, mit denen du dann in die Bietrunde gehst. Lass die Kommunikation auch nach der Bietrunde nicht abreißen – das ist ein Fehler, der im Crowdfunding sehr häufig gemacht wird. Er tritt bei einem gemeinschaftsgetragenen Unternehmen wahrscheinlich eher nicht auf, aber gesagt haben will ich es trotzdem. Bis hierhin hast du sehr viel Energie investiert und Begeisterung entfacht – und den Flow solltest du jetzt unbedingt mitnehmen!


Austausch, Support und Beratung

Aus meiner Erfahrung mit Crowdfunding-Kampagnen hilft es ungemein, in dieser Zeit eine Gruppe zu haben, mit der man sich in einem positiven und wertschätzenden Rahmen austauschen und gegenseitig motivieren kann. Für gemeinschaftsgetragene Projekte entstehen immer mehr solcher Gruppen, die Leuchttürme und Graswurzeln von Nadine Stalpes etwa, die Peer group für Gründer*innen von Sophie Löbbering und Christoph Spahn oder die Lern- und Handlungsgemeinschaft vom Myzelium. Diese Angebote strukturieren und unterstützen auch den gesamten Gründungsprozess, den ich dir oben skizziert habe, und beinhalten zusätzlich noch Beratung.

Aber natürlich kann man sich auch einfach Leute suchen, mit denen man gerne und gewinnbringend diskutiert oder den Kontakt zu Projekten suchen, die schon gemeinschaftsgetragen wirtschaften (ein paar habe ich auf dem Blog vorgestellt, mehr findest du auf gemeinschaftsgetragen.de). Ob du Beratung zur Gründung in Anspruch nimmst, oder nicht, ist von dir, deinen Erfahrungen und Fähigkeiten abhängig. Noch gibt es nicht viele Menschen, die sich mit gemeinschaftsgetragenem Wirtschaften auskennen, deshalb frag immer nach Referenzen und mach dir ein Bild von der Tätigkeit der Person, die dich beraten will. 


Das tolle an den Parallelen zwischen Crowdfunding und gemeinschaftsgetragenem Wirtschaften ist, dass es über Crowdfunding schon ganz viele Infos im Netz gibt: Podcasts, Interviews, Tools, Tipps  – und du kannst sie nutzen, wenn du sie einfach ein bisschen an deine gemeinschaftsgetragene Gründung anpasst. Dazu soll dich dieser Blogbeitrag inspirieren und ermutigen! Ich bin gespannt auf dein Feedback!

Danke an Maleen Knorr für die Anmerkungen zum Text.

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