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Kooperation und Gemeinschaft – die Vorverkaufs-Kampagne der Dorfsennerei Prad

Durch Marlene Hinterwinkler von der Genussgemeinschaft Städter und Bauern e.V. habe ich eine spannende Kampagne in Italien, genauer gesagt im Vinschgau, entdeckt. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, wie ein „klassischer“ Betrieb in ein communitybasiertes Unternehmen umgewandelt wird – mit einer gemeinschaftsgetragenen Finanzierung zum Start.

Community statt Investor

Die Dorfsennerei in Prad musste 2012 nach fast hundert Jahren ihre Tore schließen und konnte 2017 durch einen ausländischen belgischen Investor wieder eröffnet und auf Bio umgestellt werden. Was hoffnungsvoll gestartet war, nahm ein jähes Ende: Kurz darauf stieg der Investor aus – und die Zukunft der Sennerei und der ihr angeschlossenen Bauern war wieder ungewiss.

Statt sich erneut auf einen einzelnen Investor zu stützen, wird die Sennerei aktuell ein Gemeinschaftsprojekt  – durch eine Bürgergenossenschaft. Um den Betrieb wieder aufnehmen und zukünftig hochwertigen Bio-Ziegenkäse produzieren  zu können, haben die Prader im März eine Art Crowdinvesting-Kampagne gestartet. Sie verkaufen ihre Produkte vor und nutzen dafür Gutscheine mit späterer Fälligkeit. Das heißt: Wer das Projekt unterstützt, bekommt dafür Gutscheine (sog. „Proder“), die für Produkte der Sennerei, aber auch für Dienstleistungen und Produkte von Kooperationspartnern eingelöst werden können. In Italien heißt das „Kauf künftiger Sachen“ – aber in diesem Artikel verzichte ich mal auf tiefergehende juristische Betrachtungen.

Austausch, Netzwerk, Kennenlernen

Die Kampagne wird komplett über eine eigene Website abgewickelt – mir persönlich fehlt es da allerdings ein bisschen an Übersicht und Transparenz, was die Zielsumme der Vorverkaufsaktion ist und wieviel bereits erreicht wurde. Was aber wirklich toll ist: Die Dorfsennerei hat sich einige Kooperationspartner an Land gezogen, darunter Hotels und Bioläden, die auch die Gutscheine einlösen und die Kampagne bewerben. Auf der Facebook-Seite der Bürgergenossenschaft konnte ich sehen, dass der Betrieb Ende März aufgenommen werden konnte – und die ersten „Proder“ Ende April versendet wurden. Auf Facebook diskutiert die Crowd auch über zukünftige Produkte und beteiligt sich z.B. an der Namensfindung für neue Käsesorten.

Die Bürgergenossenschaft, die zukünftig die Dorfsennerei betreibt, heißt „da – die Bürgergenossenschaft Obervinschgau“ und möchte regionale Kreisläufe und den sozialen Zusammenhalt stärken – Resilienz, Vielfalt und Kooperation statt Konkurrenz und Konsum. Dafür denkt man in Mals auch über eine Regionalwährung nach – und organisiert Märkte und Bauernmärkte, auf denen ProduzentInnen und KundInnen nicht nur Waren, sondern auch Erfahrungen austauschen. Und die Proder können dort eingelöst werden – Gutscheine schaffen also direkte Kontakte zwischen ErzeugerInnen und KonsumentInnen.

Crowdfunding in der Region

In der Region hat bereits ein anderer Betrieb – die Hofkäserei Englhorn – Erfahrungen mit Crowdfunding gemacht. Vor etwa 5 Jahren kamen so 182.500€ von 181 Menschen zusammen. Die UnterstützerInnen, davon tatsächlich auch einige aus der privaten Einkaufgemeinschaft von Marlene in München, lösen seitdem ihre Gutscheine im Urlaub in der Sennerei ein.

Auf jeden Fall nicht nur ein tolles Projekt, sondern generell eine spannende Region, die ich auf jeden Fall weiter verfolgen werde!

Die Sache mit den Fotos für einen Blog ist echt nicht so einfach. Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einem Käse-Kurs, den ich vor einiger Zeit hier in München besucht habe.

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