Communitybasiertes Wirtschaften,  Interview,  SoLaWi

Communitybasiertes Wirtschaften – Michaela und Timo von Myzelium zeigen anderen, wie das geht!

Vor einigen Wochen bekam ich eine E-Mail aus meinem Netzwerk: „Hey Mona, kennst du schon Myzelium in Trier? Musst du dir ansehen!“.  Schon nach wenigen Sekunden auf der Website war klar – Michaela und Timo muss ich unbedingt kennenlernen: Die beiden „Berater für communitybasiertes Wirtschaften“ unterstützen nämlich Gründerinnen und Gründer, gemeinschaftlich getragene Geschäftsmodelle zu entwickeln und so umzusetzen, dass sichere Arbeitsplätze sowie vertrauensvolle und solidarische Beziehungen entstehen.  Ich freue mich, dass sie sich in unserem Telefonat bereit erklärt haben, auch ein paar Fragen für den Blog zu beantworten:

In unserem Telefonat habt ihr mir erzählt, dass ihr die Prinzipien der Solidarischen Landwirtschaft auch auf andere Bereiche als die Landwirtschaft anwendet. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft [Was das ist, habe ich für dich in dem Blogbeitrag über Solawi zusammmengefasst] ist insofern interessant, weil die Konsument*innen die Anbieter*innen einer Leistung komplett ausfinanzieren. In der Regel für ein Jahr. Das öffnet zum einen sehr viel Spielraum für Solidarität zwischen Konsument*innen und Anbieter*innen, zum anderen aber auch unter den Konsument*innen selbst. Wir haben uns gefragt, warum dieses erfolgreiche Prinzip nicht auf andere Wirtschaftsbereiche außerhalb der Nahrungsmittelbranche übertragen wird. Wir haben es dann einfach ausprobiert und würden sagen, dass es sehr gut läuft.

Wie seid ihr dazu gekommen?

Timo hat zusammen mit einigen anderen Menschen die Solidarische Landwirtschaft in Trier aufgebaut und sich mit solidarökonomischen Modellen in der Vergangenheit und in der Gegenwart beschäftigt. Gerade die Erfahrung aus dem Gründungsprozess der Solidarischen Landwirtschaft in Trier hat ihn dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie man das Modell der solidarischen Landwirtschaft auf andere Bereiche übertragen kann.

Michaela ist Betriebswirtschaftlerin und beschäftigt sich in ihrer Promotion mit der Rolle von Communities im Gründungsprozess. Sie fand die Idee gleich total spannend, hat aber auch vieles kritisch hinterfragt, sodass wir uns sehr gut ergänzen und stetig weiterentwickeln.

Könnt ihr ein Projekt beispielhaft vorstellen, das ihr aktuell begleitet?

Tatsächlich begleiten wir eine Reihe von Gründungsprojekten. Derzeit sind es ca. 15 in sehr verschiedenen Wirtschaftsfeldern. Da ist es sehr schwierig ein Projekt herauszugreifen. Vielleicht sprechen wir über Ausgebüxt, ein Projekt, das auch in den sozialen Medien stark präsent ist. Hinter Ausgebüxt stecken Jana und Paddy, die gerade ihre Community aufbauen und es ihrer Gemeinschaft ermöglichen, zukünftig jeden Monat pädagogische Waldabenteuer mit der ganzen Familie zu erleben. Dafür unterstützen die Mitglieder Jana und Paddy mit einem monatlichen Beitrag, ähnlich wie bei der Solidarischen Landwirtschaft, sodass die beiden für ein Jahr ausfinanziert sind.

Welchen Vorteil seht ihr in communitybasierten Geschäftsmodellen im Gegensatz zu „klassischen“ marktbasierten Geschäftsmodellen?

Der Marktdruck wird komplett herausgenommen, weil sich eine Gruppe von Menschen zusammenschließt und festlegt, unter welchen Bedingungen sie wirtschaften will. Dadurch entsteht in der Verbindung zwischen Konsument*innen und Anbieter*innen viel Raum für Solidarität und die Möglichkeit, Kosten zu internalisieren. Das ist wirklich etwas Besonderes. Für Marktteilnehmer*innen ist es gesellschaftlich akzeptiert, zu Lasten sozialer und ökologischer Ressourcen zu wirtschaften und damit den eigenen Profit zu maximieren. Beim communitybasierten Wirtschaften besteht die Möglichkeit, auf Basis der Bedürfnisse aller Betroffenen so zu wirtschaften, dass soziale und ökologische Ressourcen aufgebaut anstatt abgebaut werden. Das ist am Markt nicht möglich.

Ich diskutiere im Moment sehr viel mit Menschen über das Thema Lebensmittelpreise – also was ist ein fairer, ein gerechtfertigter, ein angemessener Preis für ein Lebensmittel und welchen Preis bin ich bereit zu zahlen („was ist mir ein Lebensmittel wert?“). Könnt ihr sagen, was euer Modell z.B. mit den Preisen für Dienstleistungen macht und mit der Wertschätzung?

Beim communitybasierten Modell haben Preise nicht den gleichen Stellenwert wie am Markt. Beim communitybasierten Ansatz geht es im ersten Schritt darum, als Anbieter*in über die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten nachzudenken. Im zweiten Schritt geht es um die sozialen und finanziellen Ressourcen, die sie benötigen, um überhaupt eine Leistung anbieten zu können. Es geht also nicht um Preise, die sich am Markt bilden, sondern es ist ein Austausch über Bedürfnisse von Anbieter*innen und Konsument*innen. Es wird also gefragt „was brauchst du?“ und nicht „was kostet es“? In der Folge sind die Konsument*innen bereit, deutlich mehr zu zahlen, als am Markt.

Kann es sich also nur die Elite leisten, Mitglied in euren Projekten zu werden?

Das communtiybasierte Modell ist sehr inklusiv, weil die Konsument*innen je nach Einkommen und finanziellen Möglichkeiten, in absoluten Zahlen, unterschiedlich viel bezahlen. Eigentlich bezahlen aber alle gleich viel – und zwar relativ gesehen – in Prozent ihres Einkommens. Wir glauben, dass es fast unmöglich ist, am Markt faire Lebensmittelpreise durchzusetzen, die insbesondere die ökologische Wahrheit sprechen und die ökologischen und sozialen Kosten wirklich internalisieren.

Die Konsument*innen müssen lernen, wieder Verantwortung zu übernehmen und statt eines fairen Preises ihren fairen Anteil an den Kosten zu tragen, der bei der Produktion einer Leistung anfällt. Solidarische Landwirtschaft bietet beispielsweise einen solchen Lernraum für Konsument*innen, weil sie selbst erfahren, welche Bedürfnisse Landwirte wirklich haben. Das ist am Markt nicht möglich, weshalb es sehr schwierig ist, die Konsument*innen dazu zu bringen, faire Preise zu bezahlen.

Funktioniert euer Modell auch im Lebensmittelhandwerk, also in einem Bereich, in dem der Anbau der Rohstoffe und die Weiterverarbeitung nicht mehr in einer Hand liegen, sondern in mehreren (z.B. Bäckerei, Käserei, Metzgerei…)?

Wir glauben, dass man in allen Wirtschaftsbereichen communitybasiert wirtschaften kann. Es gibt ja schon genossenschaftliche Bäckereien und Käsereien. Das ist nichts Neues. Die sind zwar nicht genau nach unserem Modell gegründet worden, aber gemeinschaftlich gewirtschaftet wird dort schon jetzt.

Bei einer Solawi werden ja Kosten und Ernte geteilt und damit auch das Risiko. Kurz gesagt: Wenn die Ernte komplett ausfällt, ist die Existenz der Landwirtschaft trotzdem gesichert. Funktioniert das Prinzip auch bei Dienstleistungen? Habt ihr da schon Erfahrungen gesammelt, wie solidarisch so eine Community sein kann?

Für uns spricht nichts dagegen, das Modell auch auf Dienstleistungen zu übertragen. Wir beraten gerade einige Menschen, die Dienstleistungen communitybasiert anbieten wollen. Die Mitglieder lernen auch in diesen Projekten, solidarisch gegenüber den Anbieter*innen zu sein. Was passiert, zum Beispiel, wenn ein Treffen aufgrund von Krankheit der Anbieter*innen nicht stattfinden kann? An dieser Stelle ist die Gemeinschaft gefordert: Kann sie sich selbst organisieren? Kann die Veranstaltung trotzdem stattfinden? Wie kann ein Alternativprogramm aussehen? In unseren Gemeinschaften ist also die zentrale Frage der Mitglieder: „Was kann ich geben?“, anstatt „was bekomme ich?“.

Ihr unterstützt ja insbesondere Gründerinnen und Gründer. Welche Gedanken sollte ich mir machen, wenn ich eine Geschäftsidee habe und sie communitysupported umsetzen will?

Bevor man startet, sollte man für sich überlegen, ob man ein kooperativer Mensch ist und Spaß daran hat, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Ist das der Fall, dann ist das communitybasierte Modell sehr interessant.

Zunächst einmal hat man eine Idee: Was ist mein Traum? Was will ich wirklich machen? Hier ist es wichtig, alle Gedanken außen vor zu lassen, die den Markt betreffen. Zum Beispiel, welche Nachfrage am Markt herrschen könnte oder welche Preise am Markt zu realisieren sind. Das ist gar nicht so einfach, weil wir als Marktteilnehmer*innen sozialisiert wurden.

Im zweiten Schritt überlegst du dir: Welche Bedürfnisse habe ich? Was brauche ich, um eine Leistung auf eine Art und Weise bereitzustellen, die mir Freude bereitet? Wieviel Geld brauche ich? Welche Mitarbeit bzw. praktische Unterstützung und Teilnahme wünsche ich mir von den Konsument*innen?

Dann beginnen wir damit, uns mit Details des organisatorischen Prozesses auseinanderzusetzen. Was wäre die beste Organisationsform? Welche rechtlichen Strukturen möchte ich nutzen? Wenn dieses Konzept steht, starten wir in die Phase des Communitybuildings, dem Aufbau der eigenen Gemeinschaft.

Mehr über Myzelium und communitybasiertes Wirtschaften erfahren?

Wer jetzt noch ein bisschen tiefer in das Myzelium-Universum eintauchen will, dem empfehle ich einen Blick auf die Facebook-Seite von Michaela und Timo. Dort berichten sie ebenso wie auf ihrem Instagram-Account regelmäßig von ihren Projekten und Veranstaltungen. Außerdem gibt es noch eine Website, auf der Sie ihren Ansatz noch ein bisschen ausführlicher beschreiben. Ich freue mich sehr, dass wir uns übernächste Woche sogar zum persönlichen Austausch treffen – kann also gut sein, dass die beiden hier auf dem Blog dann nochmal auftauchen! 🙂

Foto + Logo wurden mir von Myzelium zur Verfügung gestellt.

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