Communitygetragenes Wirtschaften,  Interview,  Veranstaltungen

Community learning mit dem Café Sunshine in Bremen

Nach dem Myzelium, dem We-economy-Angebot von Christoph und Sophie und der Seite gemeinschaftsgetragen.de möchte ich dir heute die Veranstaltungsreihe des Café Sunshine als weitere Anlaufstelle zum Thema communitygetragenes Wirtschaften vorstellen. Durch die Corona-Pandemie haben sie ihre Workshops kurzerhand in den digitalen Raum verlegt – Glück für uns, denn dadurch kann jede und jeder an den spannenden Vorträgen und Diskussionen rund um das Thema Solidarische Ökonomie teilnehmen. Ich habe Christian Gutsche, mit dem ich auch gemeinsam im CSX-Thinktank zusammenarbeite, dazu ein paar Fragen geschickt:

Wer steht eigentlich hinter den Veranstaltungen, die ihr in Bremen aktuell auf die Beine stellt?

Wir, also das Team vom Café Sunshine, sind eine Gruppe von acht Leuten, die sich für Solidarische Ökonomie, Klimaschutz und Energiewende einsetzt. Das tun wir durch theoretische und praktische Arbeit. Wir bieten den gemeinwohlorientierten Ökostrom „Bremer SolidarStrom“ (ein Video dazu gibt es auf bremer.solidarstrom.de) an, projektieren Solaranlagen, haben eine kleine FoodCoop und vor allem betreiben wir den Veranstaltungsraum Café Sunshine, üblicherweise mit mindestens zwei Mitmach- oder Diskussions-Veranstaltungen rund um unsere Themen pro Monat und mit wöchentlichem Essen mit Spendenmöglichkeit. Wir machen auch Repair Cafés, Kleiderschenk-Parties und ähnliches. Die Gruppe trifft sich regelmäßig und wir sind sehr darauf bedacht, uns gut um uns als Gruppe zu kümmern, gleichzeitig sind wir aber auch immer offen für neue Leute. Unsere Ausgaben finanzieren wir über eine Bieter*innen-Runde. Wir gründen als Gruppe immer wieder Projekte mit solidar-ökonomischem Anspruch.

Ich bin seit 15 Jahren in dieser Gruppe bzw. ihren Vorgängern aktiv. Ein Mitstreiter und ich haben vor ein paar Monaten unsere Jobs gekündigt, um mehr Zeit in unsere Herzensprojekte zu stecken. Zur Zeit bauen wir eine Solar-Mitmach-Kooperative und den gemeinschaftsbasierten, sozial-ökologischen Coworking Space „CoLab“ auf. Damit wollen wir Solidarische Ökonomie ganz konkret stärken – mit dem Schwerpunkt auf Bremen.

Wie bist du persönlich zum Thema Gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften gekommen?

Das kam über mein Unbehagen mit dem herrschenden Wirtschaftssystem. Vor 15 Jahren bin ich dann in einer Vorläufergruppe von unserem heutigen Projekte gelandet, die zu dem Zeitpunkt anfing, sich stärker mit Solidarischer Ökonomie zu beschäftigen, nachdem es auf dem Weltsozialforum ein zentrales Thema war und in Deutschland einen ziemlich kraftvollen Kongress dazu gab. Ich sehe den Kapitalismus als Ursache für viele Probleme und wenn man den überwinden will, dann braucht es eine andere Form des Wirtschaftens, die ganz konkret im Hier und Jetzt entstehen und sich bewähren muss. Das ist die theoretische Motivation.

Auf der Gefühlsebene sehne ich mich nach einer Welt, in der es den Menschen besser geht und sie cooler miteinander umgehen – einfach weil die Ökonomie menschenfreundlicher ist. Eine solche Wirtschaftsweise will ich mit aufbauen.

Christian Gutsche

Übrigens gibt es im alternativ-ökonomischen Bereich viele Strömungen, die viele Schnittmengen haben oder sich gegenseitig ergänzen. Eine Solidarische Ökonomie kann meines Erachtens nur gemeinschaftsbasiert und dezentral funktionieren. Zwischen CSX und dem Commons-Ansatz sehe ich viele Schnittpunkte und ich freue mich über das Netzwerk Ökonomischer Wandel, in dem verschiedene Strömungen zusammen kommen.

Was fasziniert dich an gemeinschaftsgetragenem Wirtschaften bzw. warum siehst du darin eine zukunftsfähige Art zu wirtschaften?

Ich glaube, Gemeinschaftsbasiertheit ist nur ein Baustein zukunftsfähigen Wirtschaftens. Aber ein wichtiger. Wenn wir eine bedürfnisorientierte, solidarische Wirtschaft haben wollen, dann sollte die kleinste Zelle davon eine Gemeinschaft sein, in der Beziehungen gepflegt werden können. Denn durch Beziehung entsteht u.a. Solidarität. Beziehung ist ein gutes Gegenmittel gegen den reinen Tauschwert, der strukturell unterstützt, dass man sich gegenseitig über den Tisch zieht. Das ist etwas anderes als z.B. eine behutsam ausgeübte Gegenseitigkeit.

Ich freue mich sehr über den Austausch mit Leuten aus einer solchen Praxis im CSX-Think Tank, denn natürlich braucht es theoretische Überlegungen dazu, aber eben auch eine gelingende Praxis. Und da finde ich es klug, dass wir uns gegenseitig darin unterstützen, eine zukunftsfähige Wirtschaft aufzubauen. Ich finde es außerdem wichtig, zu schauen, wie uns die Qualitäten von CSX helfen können, uns im herrschenden Wirtschaftssystem zu behaupten, ohne die transformative Qualität zu verlieren. Ich glaube, dass Gemeinschaftspflege, Kooperation, die Unterstützung intrinsischer Motivation und die Absicherung von CSX-Gründer*innen, die gemeinschaftliche Nutzung von Produktionsmitteln und die Überwindung der Trennung zwischen Produzierenden und Kund*innen letzten Endes Wettbewerbsvorteile sein können. Wir sollten schauen, wie wir Boden, Arbeit und Kapital dem Markt entziehen können und durch die Nutzung, neuer, sanfter Technologien Freiräume für CSX-Aktive schaffen und die Notwendigkeit von Selbstausbeutung reduzieren können.

Mit welchen Themen beschäftigt ihr euch in der Veranstaltungsreihe?

Der Schwerpunkt sind Fragen, die uns in unserer Praxis beschäftigen: Wie können wir erfolgreich möglichst tauschwertfreie Projekte gründen? Welche Rechtsformen sind für ein bestimmtes CSX-Projekt besonders geeignet? Welche Möglichkeiten der Finanzierung gibt es? Was hilft bei der Gemeinschaftspflege? Es geht auch um theoretische Fragen wie z.B. „Commons und Kommerz auseinander halten: Wie geht das?“ und auch darum, über die Veranstaltungen neue Leute und Perspektiven kennen zu lernen. Wir hatten schon Veranstaltungen mit Fiona Brinker, der Gründerin des fleisch- und preislosen Restaurants Findus in Bremerhaven, Myzelium, Silke Helfrich, den Rechtsanwälten Johann Steudle, Rupay Dahm und Mathias Fiedler. Und wir planen gerade eine Veranstaltung zu Crowdfunding mit Eva Straube und werden im Herbst noch weitere Veranstaltungen machen, unter Anderem mit Christoph Spahn und Sophie Löbbering, mit Uwe Lübbermann, dem Gründer vom Premium Cola-Kollektiv und Thomas Dönnebrink, der sich u.A. mit Sharing Economy und Plattform-Kooperativen beschäftigt.

Wir finden das Konzept des Community Learning spannend, d.h. zu Themen, die auch andere interessieren könnten, öffentlich einladen, dann können alle ihr Wissen beitragen und von der Veranstaltung profitieren – ein Riesenvorteil von Kooperation!

Unser Ziel ist, das Thema „gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften“ bekannter zu machen und natürlich auch Leute dazu zu ermutigen, solche Projekte zu gründen. Dabei haben wir mit dem CoLab einen Bremer Fokus, freuen uns aber sehr darüber, dass dadurch, dass wir die Veranstaltungen online anbieten, Menschen bundesweit einfach daran teilnehmen können.

Habt ihr schon Menschen inspiriert eigene gemeinschaftsgetragene Unternehmen auf die Beine zu stellen?

Im Mittel nehmen 15 bis 20 Leute an unseren Veranstaltungen teil. Bei Spezialthemen sind es eher Leute aus dem gesamten Bundesgebiet, die ein konkretes Interesse daran haben, weil sie selber gerade eine CSX oder ein ähnliches Projekt gründen. Es nehmen überwiegend Menschen mit Interesse am alternativen Wirtschaften teil, die im Allgemeinen inspiriert und ermutigt aus den Veranstaltungen heraus gehen. Und ja, es gibt mehrere Leute mit Gründungsinteresse, deren Idee dadurch noch mehr CSX-Drive bekommen hat.

Werdet ihr das digitale Format beibehalten, wenn lokale Veranstaltungen wieder möglich sind? Wo kann ich mich darüber informieren?

Definitiv. Für bestimmte Themen macht es auch total Sinn, weil die CSX-Szene noch recht überschaubar ist.

Auf cafe-sunshine.de können sich alle Interessierten für den monatlichen Newsletter eintragen. Die Veranstaltungen stehen auch auf der Webseite. Darüber hinaus sind wir auch auf Facebook aktiv.

Wie siehst du die Chancen, auch die Energieversorgung gemeinschaftsgetragen zu organisieren? Wie “dicht” seid ihr in Bremen schon dran?

Wir wollen mit einer Solar-Mitmach-Kooperative in Bremen und Umgebung eine gemeinschaftliche Finanzierung und Installation von Solaranlagen voran bringen. Gemeinsame Finanzierung gibt es schon lange. Den gemeinschaftliche Solaranlagen-Selbstbau gibt es seit gut fünf Jahren in der Schweiz und auch in Deutschland starten erste Initiativen, mit denen wir vernetzt sind, wie z.B. unsere Freund*innen von SoLocal Energy in Kassel. Den Solarstrom können dann die Mitglieder, die vor Ort wohnen, nutzen. Es wird in ungefähr einem Jahr auch einen Rechtsrahmen für gemeinschaftlichen Eigenverbrauch von Erneuerbarem Strom geben, der nicht nur für einzelne Gebäude, sondern für Regionen gilt. Das wird dann richtig spannend für eine Solidarische Energiewirtschaft. Aber ein Schritt nach dem anderen. Aktuell feilen wir noch an den letzten Details des Konzeptes. Es gibt schon mehrere Anfragen. Mit etwas Glück kriegen wir dieses Jahr die ersten Solaranlagen im gemeinschaftlichen Selbstbau umgesetzt.

Das Foto wurde mir von Christian Gutsche zur Verfügung gestellt.

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