Communitybasiertes Wirtschaften,  Interview

Ausgebüxt – gemeinschaftlich getragene Waldabenteuer für die ganze Familie

Hinter Ausgebüxt stecken Jana und Patrick (Paddy) mit ihrem kleinen Sohn – und jede Menge Abenteuer. Denn einmal im Monat organisieren sie für ihre Community aus acht Familien einen spannenden Ausflug in die Natur. Das besondere? Die Familien haben sich in einer gemeinsamen Bietrunde die Kosten für ein Jahr solidarisch untereinander aufgeteilt – und Jana und Paddy dadurch die Sicherheit gegeben, für ein Jahr ausfinanziert zu sein. Damit werden aus Konsument*innen eines Angebots Mitglieder, die Verantwortung und Risiko übernehmen – und die Jana und Paddy in der aktuellen Situation ermöglichen, ohne Existenzangst an neuen Ideen und Angeboten für ihre Gemeinschaft zu arbeiten.

Du ahnst es sicher schon: Ausgebüxt ist mein nächstes Beispiel für communitybasiertes bzw. gemeinschaftsgetragenes Wirtschaften, das ich dir näher vorstellen will. Denn ich bin überzeugt: Was mit Outdoorabenteuern funktioniert, lässt sich auch auf jede andere Art von Freizeitangebot übertragen. Jana und Paddy haben sich zum Glück sofort bereit erklärt, mir am Telefon mehr über Ausgebüxt zu erzählen…

Angefangen auszubüxen

Die Geschichte von Ausgebüxt beginnt 2017: Jana und Paddy, damals beide noch als Angestellte unterwegs, zeigen in YouTube-Videos, dass Naturabenteuer auch in Großstädten möglich sind. Jeden Monat reisen sie in eine andere Stadt, schlafen unter freiem Himmel und inspirieren andere, es ihnen gleich zu tun. Durch die Schwangerschaft und die Geburt ihres kleinen Sohnes verschiebt sich der Fokus hin zu Alltagsabenteuern für Familien. Sie starten ein Online-Magazin, das sie von Anfang an mitgliederfinanziert über den Dienstleister Steady aufbauen.  „Wir hatten ja bereits einige Erfahrungen durch unseren YouTube-Channel gemacht und dort auch Anfragen für Produktwerbung erhalten, was sich aber nie wirklich gut für uns angefühlt hat. Als wir beschlossen, das Magazin zu gründen, war klar, dass wir es gleich mit Steady aufbauen, um so unabhängig und werbefrei bleiben zu können. Leider haben wir es bisher noch nicht geschafft, eine größere Kampagne für das Magazin zu starten – da ist also noch einiges an Potential für die nächste Zeit vorhanden.“ Neben dem wachsenden Magazin organisieren beide noch klassische Wochenendseminare für Erwachsene – die Angestelltenjobs haben sie zu diesem Zeitpunkt bereits hinter sich gelassen.

Der Kontakt zum Myzelium

Auch Ausgebüxt ist eine gemeinschaftsbasierte Gründung, die von Timo und Michaela von Myzelium begleitet wurde. Timo kannte die Videos von Jana und Paddy – und klopfte eines Tages einfach an die virtuelle Tür. Ob sie nicht eine gemeinschaftsgetragene Outdoor-Community für Familien aufbauen wollten. Warum eigentlich nicht?

Parallel zum Aufbau des Online-Magazins wurde deshalb am Konzept für die Ausgebüxt Familie gebastelt. Das Ziel: Ein ganzjähriges Angebot, mit dem Eltern und Kinder zusammen alle Jahreszeiten draußen in der Natur erleben können – gemeinsam mit anderen Familien, und organisiert von Jana und Paddy.

Der Aufbau einer Community

„Als unser Konzept fertig war, haben wir erstmal über unsere bestehenden Social-Media-Kanäle und den Mailverteiler Werbung dafür gemacht. Wir haben ziemlich schnell gemerkt, dass das Konzept sehr erklärungsbedürftig ist, und haben deswegen auch Treffen draußen in der Natur organisiert, damit die Menschen uns und das, was wir vorhaben, kennen lernen konnten. Es kamen auch immer neue Interessent*innen dazu, meist über Empfehlungen anderer Familien, und wir haben sehr viel Zeit in persönliche Gespräche und Telefonate investiert. Insgesamt haben wir uns fünf Monate Zeit gegeben, die Menschen zu finden, die jetzt mit uns die Ausgebüxt Familie sind.“ „Es sind einige abgesprungen, denen unser Geschäftsmodell nicht zugesagt hat. Kosten in einer Bietrunde solidarisch aufzuteilen verlangt von allen Mitgliedern auch einiges ab, das ist ein Prozess, in dem man natürlich auch mal denkt ‚Fütter ich jetzt hier andere durch?‘. Oder auch: ‚Halte ich es aus, wenn ich weniger zahlen kann als den Richtpreis?‘. Gerade am Anfang will man als Anbieter diese Menschen natürlich unbedingt halten, weil wir ja gelernt haben, Geschäftsmodelle zu entwickeln, die möglichst viele ansprechen. Erst, als wir für uns klar hatten, dass unser Angebot einfach nicht für jeden was ist, und dass es okay ist, wenn Familien wieder absagen, wurde die ganze Situation auch für uns entspannter. Am Ende hatten wir die acht Familien zusammen, die gesagt haben: Genau das, was ihr anbietet, wollen wir haben! Und mit dieser Community sind wir dann gestartet.“

Die Ausgebüxt-Familie

Jana und Paddy organisieren einmal im Monat an einem Wochenende ein Outdoor-Abenteuer für ihre Community. Sie bereiten es vor, mit Materialien und Spielen, und kümmern sich in den Wintermonaten um die Buchung einer Hütte und alle anderen organisatorischen Dinge. Acht Familien mit Kindern zwischen anderthalb und acht Jahren nehmen einmal im Monat an den Ausgebüxt-Tagen teil, die Gruppe ist fest, man kennt und vertraut sich.

„Ausbüxen ist nicht das Gleiche wie spazieren gehen. Wir wollen, dass du und deine Kinder Natur zum Anfassen erleben. Wir wollen Abenteuer und keinen Museumsaufenthalt. Ausbüxen heißt sich auf die Erlebnisse einzulassen, einzutauchen in die Tier- und Pflanzenwelt vor deiner Haustür und die Augen für das Besondere zu öffnen. Ausbüxen heißt kraxeln, schnitzen und entdecken, Pflanzen sammeln und am Lagerfeuer kochen. Und Ausbüxen heißt auch Geräuschen lauschen, in den Sternenhimmel schauen und sich im Wald zuhause fühlen.“

Jana und Paddy auf ausgebuext.info

Die finanziellen Bedürfnisse von Paddy und Jana werden von allen Mitgliedern gemeinsam getragen und für ein Jahr vorfinanziert. In einer Bietrunde werden sie solidarisch untereinander aufgeteilt, so dass jede Familie nach ihren Möglichkeiten beiträgt und auch Menschen mit wenig Einkommen Teil der Community sein können. „In der Bietrunde haben wir die Kosten für den Arbeitsaufwand, unsere Betriebskosten und die Miete für die Hütte vorgestellt und anschließend einen Richtpreis für die Monatsgebühr genannt. In mehreren Runden haben dann alle Mitglieder ihr Gebot auf einen Zettel geschrieben – bis am Ende der benötigte Umsatz zusammengekommen ist. Eine echte Achterbahnfahrt der Gefühle, aber auch ein Erlebnis, das sehr zusammenschweißt. Wir haben aus dieser ersten Bietrunde viel mitgenommen und gelernt und werden beim nächsten Mal ein paar Dinge etwas anders gestalten. Insgesamt sind wir aber total stolz darauf, diesen Schritt zusammen mit den Familien gegangen zu sein.“

Paddy und Jana kümmern sich auch abseits der Abenteuertage um ihre Community. Sind Familien krank, rufen sie an, berichten vom vergangenen Abenteuer. „Die direkte Kontaktpflege bedeutet uns viel. Wir nehmen jeden einzelnen wichtig, und wir wertschätzen alle unsere Mitglieder. Wir übertragen ihnen aber auch früh Verantwortung, z.B. indem wir sie bitten, etwas  für‘s gemeinsame Essen mitzubringen. Und wir sind jederzeit transparent, egal ob in der Kommunikation, bei den Kosten oder wenn etwas mal nicht so wie geplant läuft. Das unterscheidet uns natürlich von klassischen Freizeitangeboten, bei denen man für ein Wochenende ein Event bucht, bezahlt und eine Leistung in Anspruch nimmt.“

Und wie geht’s weiter?

„Im Laufe des Jahres wollen wir noch eine zweite Ausgebüxt-Familie aufbauen. Wir haben schon eine Warteliste, müssen aber aktuell natürlich erstmal abwarten, wie sich die Situation in Deutschland weiter entwickelt. Momentan senden wir unseren Familien Abenteuerpakete per Post, so dass sie alleine auf Entdeckungsreise gehen können, aber wir hoffen natürlich, dass wir bald wieder in der großen Gruppe unterwegs sein können.“ „Natürlich haben wir durch den Aufbau der ersten Community viel gelernt, und wir sind selbst auch sicherer und klarer geworden was unser Geschäftsmodell und auch unser Angebot betrifft. Wir können jetzt vor allen Dingen zeigen, dass es funktioniert – und das macht es auf jeden Fall deutlich einfacher. Wir haben auch gelernt, dass eine Bietrunde eine sehr kräftezehrende Angelegenheit sein kann, und haben schon einige Ideen, wie wir das beim nächsten Mal besser und klarer strukturieren. Auf jeden Fall ist es aber ein tolles Gefühl, sich den eigenen Job erfunden zu haben, und das motiviert, neue Sachen auszuprobieren!“

Und was würdet ihr anderen raten, die ein gemeinschaftsbasiertes Projekt aufbauen wollen?

„Für uns war es wirklich gut, das Myzelium an unserer Seite zu haben. Gerade wenn man etwas völlig neues entwickelt und anbietet, braucht man Leute um sich, die an einen glauben, die einen ermutigen und zeigen, dass man auf dem richtigen Weg ist. Wir hatten eine Situation, ein Kennenlerntreffen, an dem unser kleiner Sohn nur geweint hat. Auf dem Weg nach Hause waren wir uns sicher, dass wir das ganze Projekt verschieben müssen, bis er etwas größer ist. Gottseidank haben wir aber vor der endgültigen Entscheidung noch mit Timo und Michaela geredet. In einem langen Gespräch wurde uns klar, dass es bei unseren Waldabenteurn genau darum geht: Kinder müssen eben nicht so „funktionieren“ wie wir uns das wünschen. Das gilt für die Kinder unserer Mitglieder, aber auch für unseren Sohn. Genau in diesem Annehmen jedes Einzelnen, so wie er ist, liegt das schöne unserer Gemeinschaft. In dieser Situation war es wirklich wertvoll, nicht alleine zu sein, und aus einer negativen Sache etwas positives für unser Projekt zu machen.“

Mehr lesen oder gleich selbst losstarten?

Alle Informationen zu Ausgebüxt findest du auf der Website, zur Ausgebüxt Familie Trier geht es hier entlang. Wenn du selbst ein gemeinschaftsgetragenes Freizeitangebot schaffen willst, kannst du dich auch gerne bei ihnen melden – beide sind Teil des Beratungsnetzwerkes vom Myzelium.

Die Fotos wurden mir von Jana und Paddy zur Verfügung gestellt.

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