Crowdfunding-Wissen

Alles-oder-nichts vs. flexibles Funding

Wie ich dir im Artikel „Was ist Crowdfunding“ erklärt habe, ist das Prinzip „alles-oder-nichts“ (fixed funding) ein zentrales Element im Crowdfunding: Nur wenn die Zielsumme innerhalb des festgelegten Zeitraums erreicht wird, ist das Projekt erfolgreich. D.h. nur dann wird das Geld bei deinen Unterstützer*innen eingezogen und du als Projektinitiator*in erhältst das Geld von der Plattform. Mittlerweile gibt es aber auch einige Plattformen, die dieses Prinzip aufweichen. Dort bekommen die Projekte auch Geld, wenn sie die Zielsumme nicht erreichen – das nennt sich dann flexibles Funding (Englisch: flexible funding).  Weil zu diesem Thema in meinen Workshops und Vorträgen oft diskutiert wird, gibt es heute mal einen eigenen Artikel dazu – mit Gedanken und ein bisschen Meinung.

Info: Dieser Artikel beschäftigt sich vor allem mit reward-based-Crowdfunding und donation-based-Crowdfunding – zur Erklärung, was das ist, empfehle ich dir meinen Artikel „Was ist Crowdfunding?“.

Flexibles Funding – ab dem ersten Euro erfolgreich

Genauso wie beim alles-oder-nichts-Funding legst du auch beim flexiblen Funding eine Zielsumme und eine Laufzeit fest. Aber schon beim Start der Kampagne ist klar, dass du jeden Euro, den du während der Laufzeit einsammelst, auch bekommst  – auch wenn du die Zielsumme nicht erreichst.

Beispiel: Du brauchst 10.000€, um dein Fachbuch über Permakultur fertigzustellen (Lektorat, Layout, Druck). Du legst 35 Tage als Laufzeit fest. Nach diesen 35 Tagen hast du erst 3.500€ eingesammelt. Weil du ein flexibles Funding ausgewählt hast, bekommst du diese Summe trotzdem von der Plattform ausgezahlt.

Auch bei Nichterreichen der Zielsumme müssen Gegenleistungen erbracht werden

Beim flexiblen Funding ist eine Kampagne also ab dem ersten Euro, der ersten Unterstützung erfolgreich. Das heißt aber auch, du bist verpflichtet, die gebuchten Gegenleistungen an deine Unterstützer*innen auszuliefern, auch wenn du die Zielsumme nicht erreichst. Auf der Plattform EcoCrowd etwa laufen alle Projekte im Modus „flexibles Funding“. Argumentiert wird hier, dass nachhaltige Projekte oft auch schon mit kleinen Teilsummen umgesetzt werden können. Auch die internationale Plattform Indiegogo bietet flexible funding an, empfiehlt in diesen Fällen aber eine besonders enge Kommunikation mit den Unterstützer*innen. Beide Plattformen weisen ausdrücklich darauf hin, dass das Prinzip nur bei Projekten funktioniert, die auch bei Nichterreichen der Zielsumme in der Lage sind, die Gegenleistungen auszuliefern. Im Bereich spendenbasiertes Crowdfunding bietet etwa Gofundme flexibles Funding an. Auch hier werden alle Spenden an die Projektinitiator*innen überwiesen, auch wenn die Zielsumme nicht erreicht wurde. (Dafür aber die Überschrift „keine Strafe bei verpasstem Ziel“ zu verwenden, finde ich völlig unpassend!)

„Ich setze mein Projekt sowieso um, egal ob das Crowdfunding erfolgreich ist, oder nicht!“

Wenn du also sagst, dass deinem Projekt „jeder Euro hilft“, du es „sowieso umsetzt“ und daher zu einem flexiblen Funding tendierst, dann mach dir also ganz genau Gedanken darüber, welche Gegenleistungen du anbietest, wie du bei Nichterreichen des Ziels diese trotzdem ausliefern kannst und dafür ggf. das fehlende Projektbudget auftreibst. Denn um bei unserem Beispiel mit dem Buch zu bleiben: Es könnte auch sein, dass nur eine einzige Person unterstützt, mit 15€ für das Buch, dir also 9.985€ fehlen und du trotzdem das Buch ausliefern musst…

„Ey, wieviel Geld braucht ihr jetzt wirklich?“ Transparente Kommunikation und Kalkulation

Ich rate allen Crowdfunding-Initiator*innen immer, mit ihren Unterstützer*innen offen, transparent und proaktiv zu kommunizieren. Deine Crowd gibt dir einen unheimlich großen Vertrauensvorschuss und deshalb solltest du auch ehrlich mit ihr umgehen. Und dazu gehört für mich, dass Projekte ihr Projektbudget gewissenhaft planen und kommunizieren, wofür sie die Summe benötigen und ob ggf. Teile des Projektes anders finanziert werden sollen. Ich bin ja nicht nur Crowdfunding-Beraterin, sondern habe auch selbst Kampagnen als Teil der Crowd mit kleinen Summen unterstützt. Und ganz ehrlich, wenn mir ein Projekt sagt: „Eigentlich brauchen wir 8.000€, um xy umzusetzen, aber mit 3.000€ geht’s auch!“  – dann komme ich mir ein bisschen veralbert vor. Deshalb: Wenn du ein flexibles Funding planst, dann kommuniziere auch, warum du das Projekt auch mit einer niedrigeren Summe umsetzen kannst (z.B. durch mehr Eigenarbeit). Das gilt auch für Spendenkampagnen, auch wenn da die Problematik mit den Gegenleistungen wegfällt.

Exkurs: Transparente Kommunikation ist übrigens auch oberstes Gebot, wenn du die Laufzeit während der Finanzierungsphase verlängerst oder gar die Fundingsumme/Zielsumme  heruntersetzt. Ich finde beides sehr schwierig und eigentlich ein no-go (und rechtlich ist es auch nicht ganz ohne), aber es kommt in letzter Zeit immer mal wieder vor (geht sowieso nur in Absprache mit der jeweiligen Plattform!). Auch hier unbedingt die Crowd informieren!

Die Motivation deiner Crowd

Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Menschen motiviert sind, ein Crowdfunding zu unterstützen (darüber mache ich auch nochmal einen separaten Blogbeitrag). Aber du kannst  davon ausgehen, dass die Spannung einer Kampagne, die durch die beschränkte Laufzeit und die festgelegte Zielsumme entsteht, ein motivierendes Moment darstellt. Vielleicht hast du selbst schon einmal eine Kampagne unterstützt und jeden Tag geschaut, wie der aktuelle Stand ist, hast mitgefiebert und Daumen gedrückt, dass die Kampagne erfolgreich wird und Freunde motiviert, noch mitzumachen. Das fällt beim flexiblen Funding natürlich weg (oder schwächt sich deutlich ab), weil klar ist, dass die Kampagne auf jeden Fall erfolgreich ist. Besonders bei Kampagnen, bei denen die Gegenleistungen sehr stark im Vordergrund stehen (Produkte), kann das ein großer Nachteil sein: Weil die Unterstützer*innen ihre Gegenleistung sicher bekommen, besteht kein Grund für sie, als Multiplikatoren aktiv zu werden und weitere Unterstützer*innen zu werben.

Das Kleingedruckte lesen – Gebühren

Viele Plattformen haben eine erfolgsabhängige Provision, d.h. du zahlst der Plattform nur dann Gebühren, wenn deine Kampagne erfolgreich ist. Beim flexiblen Funding ist deine Kampagne ab dem ersten Euro erfolgreich – und damit fallen unter Umständen sofort Gebühren an. Schau also unbedingt ins Kleingedruckte der Plattform und überlege kurz, was das für deine Projektkalkulation bedeutet.

Weitere Aspekte – fallen dir auch noch welche ein?

Im Artikel „Mehr als nur Geld von der Crowd“ habe ich zehn Dinge aufgezählt, die du mit Crowdfunding machen kannst. Geld einsammeln war nur eine davon.  Überleg also lieber zweimal, welches Ziel du mit der Kampagne verfolgst und ob das auch mit dem flexiblen Funding funktioniert. Ein Markttest zum Beispiel, oder das Einsammeln von Vorbestellungen für eine Serienproduktion.

Hast du auch noch Gedanken zum Thema alles-oder-nichts vs. flexibles Funding? Dann schreib mir die unbedingt in den Kommentar oder schick mir eine Nachricht. Ich nehme das Thema gerne nochmal auf bzw. ergänze den Blogbeitrag hier.

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